Märchenstunde mit Drogen

Am vergangenen Wochenende feierte man im argentinischen Santa Rosa das traditionelle Stadtfest mit einem Brieftauben-Flugwettbewerb, an dem 15.000 Vögel teilnahmen. Unter ihnen ein Exemplar, das jedoch an dem eigentlichen Wettbewerb wenig Interesse zu haben schien und schon kurz nach dem Start aus der Menge ausscherte, um die nahe gelegene Siedlung „Colonia Penal de Santa Rosa“ anzufliegen, das örtliche Landesgefängnis. Mit Hilfe eines Fetzen Stoffs hatte jemand dem Tier einen kleinen Rucksack aufgezwungen, der, wie man später feststellen konnte, 44 Tabletten eines Anxiolytikums enthielt, 3,5 Gramm Marihuana und einen USB-Stick. Dass der so ausgestattete Vogel die genannte „Siedlung“ anflog, war nicht das erste Mal, aber das letzte, denn das Tier fiel nach einem behördlich veranlassten Schuss in die Luft tot vom Himmel.
Dass Brieftauben für den Transport illegaler Drogen eingesetzt werden, ist so selten nicht, aber der technische Fortschritt macht, dass Brieftauben immer häufiger von Drohnen ersetzt werden. Drohnen seien zwar auffälliger, vertrügen aber mehr Zuladung und landeten wesentlich genauer.
Was die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene M. zu dem Vorfall sagt, ist unbekannt. Unbekannt ist, ob Marlene M. überhaupt den Vorfall kennt, denn zuständig könnte ja auch der Verkehrsminister sein, oder der Außenminister Gabriel, oder Familie und Gesundheit? Aber Argentinien ist weit weg. Fast so weit wie das Interview, das Malene M. vor drei Jahren gab. Sie wurde gefragt warum Alkohol erlaubt und Cannabis verboten sei. Darauf die Beauftragte kenntnisreich: „Weil Cannabis eine illegale Droge ist.“ Vor zwei Wochen hat sie die aktuellen Zahlen des Drogen- und Suchtberichts 2017 vorgestellt und, so die Onlinezeitschrift VICE, mit Zahlen untermauert. So sei infolge der Cannabis-Legalisierung im us-amerikanischen Colorado „die Zahl der jugendlichen Konsumenten um 20 Prozent gestiegen“, eine Angabe, die aber nicht aus dem erwähnten Bericht stammt, sondern von Thomas Gorman, einem pensionierten Drogenfahnder, der sich mit Zahlen der zuständigen amerikansiche Gesundheitsbehörde bei seinem Drogen-Dschihab“ (Denver Post) nicht lange aufhält. Die hatte nämlich festgestellt, dass „im Jahr 2009 im Bundesstaat knapp 25 Prozent der Jugendlichen mindestens einmal monatlich einen Joint rauchten, im Jahr 2015 es (aber) nur noch gut 21 Prozent waren.“ Außerdem gaben „2009 … 42,6 Prozent der Jugendliche in Colorado an, schon einmal in ihrem Leben Cannabis konsumiert zu haben – 2015 waren es (aber nur noch) 38 Prozent.“ (siehe auch https://www.vice.com/de/article/qvvapd/die-drogenbeauftragte-verbreitet-fake-news-weil-offizielle-cannabis-zahlen-nicht-genug-schocken ). Die Legalisierung von Cannabis führt also nicht automatisch zu einem Anstieg des Konsums (unter Jugendlichen), sie erhöht aber das Risiko, dass Drogenbeauftragte statt zu einer Pressekonferenz zur Märchenstunde einladen.

Licht

Auf der Anrichte neben dem Esstisch steht und liegt immer allerlei Kram: eine Schere, Stifte, Kerzen, ein Buch, die Zeitungen der letzten Woche, eine alte Ansichtskarte, unbeantwortete Briefe, eine angebrochene Schachtel Pralinen, Strickzeug, ein Handpiegel, die Nagelpfeile, ein Netzteil, ein paar Münzen, … . Irgendwann im Dezember verschwindet das alles in einer Schublade. Wenn es nicht mehr sehr viele Tage bis zum Jahreswechsel sind, dann wird die alte Gardine aus dem Schrank im Vorraum geholt. Der goldfarbene, sehr schwere Samtstoff wird mittels doppelseitigem Klebeband und einigen unter dem Stoff angebrachten Schraubzwingen großzügig so auf dem weißen Ikea-Möbel ausgebreitet, dass eine kleine, faltenreiche Landschaft entsteht. In diese Landschaft werden nun ein gutes Dutzend Objekte hineingestellt: ein liegender Esel, ein Ochse, ein Fischer, eine Frau, die auf einem kleinen Ofen Kastanien röstet; drei etwas elegantere Herren – der eine hat eine Krone auf dem Kopf – die halb knieend, halb stehend etwas vor sich in den Händen halten; eine frauenähnliche Gestalt mit zwei Flügeln auf dem Rücken, die die Hände vor sich flach aneinander drückt, als wolle sie gleich kopfüber ins Wasser springen; und schließlich ein Mann, etwas müde, auf einen Stab gestützt, und, neben ihm, eine Frau, sitzend, beide hinter einer mit Stroh gefüllten Futterkrippe, in der ein Säugling liegt, der eine goldene Badehose anhat.
Jetzt, wo es draußen dunkel ist, sind die Details der fein ausgearbeiteten Figuren kaum zu erkennen, denn die ganze Szene wird nur von ein paar Kerzen beleuchtet. Das Halbdunkel ist wie ein gefundenes Fressen für die Phantasie. Sie haucht der kleinen Bühne nicht nur Leben ein, sie verändert auch die Betrachterin, in deren Wahrnehmung das bloße „das da“ durch das eigene, sich nicht nur kindlicher empfindende Ich bereichert und vervollständigt wird.