Die Menschen mit den langen Löffeln

Lieber Niels

Danke für Deine liebe Antwort. …. Das Schlüsselmotiv in meinem Weihnachtsgruß zielt auf Fragen, die sich aus der Massenflucht ergeben, mit der wir es zu tun haben. Da ist offenbar etwas nicht länger wegzuschieben und auszublenden. Was ist das? Auf was macht es aufmerksam?

Wir haben nun also die ganze Welt, „alles“, wie man sagt, mit unserer Ratio ausgekleidet, und finden uns vielfach ratlos.

Nicht nur, dass die Distanz als Qualität Schmerzen bereitet. Das reicht nicht. Sondern nun rückt uns das Ungelöste auch noch tausendfach auf den Pelz.

Und ich glaube, da ist niemand ausgenommen davon. Es sieht alles nach einer tiefgreifenden Fragestellung aus.

Alte oder neue historische Erklärungen, wie „Völkerwanderung“ oder „Globalisierung“ „neues Nomadentum“ wirken stumpf.

„Die Menschen mit den langen Löffeln“ weiterlesen

Irritationsgemenge aus geistloser Passivität und Hysterie

Nicht, dass ich wüßte. Und wer zu wissen vorgibt …

Es wäre in der gesellschaftlichen Weltlage schon viel, wenn nicht aus lauter Nicht-Verstehen, Geschrei oder Programm würde.
Wenn politische Willensbildung durch charismatisch inszeniertes und ideenloses Tun-als-ob oder diskriminierendes Geschrei ersetzt wird, dann wird es eng. Was wird da gewählt, wo wir doch täglich, in jeder Situation die Wahl haben, nicht nur vierjährig.

Das passive Zuschauertum wählen?

Und es wäre schon viel, wenn die Absicht, sich selbst mächtig zu gerieren nicht ausuferte in perfides auseinander-dividieren.
Wenn die Starken ihre Stärke aus der Schwächung der Anderen ziehen, sind sie schon auf der finsteren Seite, dort wo jedes Menschliche eingehen muss, – nichts mehr wachsen kann.

Die Frage ist doch: Was eint uns denn? Was eint uns alle?

Immer weniger Reiz- und Stichworte sind nötig, wie Sloterdijk beschreibt, um bedingte Reflexe auszulösen, mit dem entsprechenden Speichelfluß. Statt Diskurs entsteht Lähmung, Rückzug oder gewaltiges Geschrei.

Flüchtling

Sauber,
das Bad,
es braucht seine Zeit
und müde, und wer, wie jeder andere,
stimmt ’s?
Ein bisschen mehr
komfortabel,
aber kann nicht…
Was.
Heute ist der große,
ich entferne
das Bad
Traum
von, du weißt das!

Licht

Auf der Anrichte neben dem Esstisch steht und liegt immer allerlei Kram: eine Schere, Stifte, Kerzen, ein Buch, die Zeitungen der letzten Woche, eine alte Ansichtskarte, unbeantwortete Briefe, eine angebrochene Schachtel Pralinen, Strickzeug, ein Handpiegel, die Nagelpfeile, ein Netzteil, ein paar Münzen, … . Irgendwann im Dezember verschwindet das alles in einer Schublade. Wenn es nicht mehr sehr viele Tage bis zum Jahreswechsel sind, dann wird die alte Gardine aus dem Schrank im Vorraum geholt. Der goldfarbene, sehr schwere Samtstoff wird mittels doppelseitigem Klebeband und einigen unter dem Stoff angebrachten Schraubzwingen großzügig so auf dem weißen Ikea-Möbel ausgebreitet, dass eine kleine, faltenreiche Landschaft entsteht. In diese Landschaft werden nun ein gutes Dutzend Objekte hineingestellt: ein liegender Esel, ein Ochse, ein Fischer, eine Frau, die auf einem kleinen Ofen Kastanien röstet; drei etwas elegantere Herren – der eine hat eine Krone auf dem Kopf – die halb knieend, halb stehend etwas vor sich in den Händen halten; eine frauenähnliche Gestalt mit zwei Flügeln auf dem Rücken, die die Hände vor sich flach aneinander drückt, als wolle sie gleich kopfüber ins Wasser springen; und schließlich ein Mann, etwas müde, auf einen Stab gestützt, und, neben ihm, eine Frau, sitzend, beide hinter einer mit Stroh gefüllten Futterkrippe, in der ein Säugling liegt, der eine goldene Badehose anhat.
Jetzt, wo es draußen dunkel ist, sind die Details der fein ausgearbeiteten Figuren kaum zu erkennen, denn die ganze Szene wird nur von ein paar Kerzen beleuchtet. Das Halbdunkel ist wie ein gefundenes Fressen für die Phantasie. Sie haucht der kleinen Bühne nicht nur Leben ein, sie verändert auch die Betrachterin, in deren Wahrnehmung das bloße „das da“ durch das eigene, sich nicht nur kindlicher empfindende Ich bereichert und vervollständigt wird.

Schatten in der Sackgasse

Lieber Bix. Deine Geschichte vom Ford-Transit in der dunklen Sackgasse, den bärtigen Männern und Deinen Erwägungen zwischen Beunruhigung und Übergehen zum Alltag, finde ich spannend. Du weißt nicht, was Du von Deiner abendlichen Beobachtung halten sollst, trotzdem beunruhigt sie.

Furcht und Schrecken ist die wörtliche Übersetzung, die in dem Wort Phobos, in unserem pathologisch gemeinten Gebrauch „phobisch“ steckt. Die Anschläge von Paris rücken uns offenbar kollektiv etwas näher, was doch seit Jahren tagtäglich in Syrien, im Libanon, in Mali, in anderen Ländern zum tragischen Alltag gehört: Eine unberechenbare Eskalation grausamer Gewalt. Furcht hat im tiefsten Grund ihre Ursache im Sich-abgespalten-erleben. Uneins-sein, Getrennt-sein bedeutet Kontrollverlust, das erzeugt Verunsicherung und Furcht.

Nehme ich diese Gewalt in den Nachrichtenmeldungen wahr, unterbreche ich kaum die Kaubewegung beim Verzehr der Kartoffelchips, wenn ich vor der Mattscheibe teilhabe ohne teilzuhaben. Es bleibt ein wages, unbestimmtes Grauen, das sich äußert in einer unbeobachteten Zunahme von resignativer Passivität mit anschließender Feindbildproduktion im Kopf.

Das fremde Böse außer mir lenkt ab, von dem Bösen in mir. Meinen Anteil bemerke ich nicht, sehe ihn nicht gerne, wahrlich nicht: Es ist zu schrecklich, weil zu undurchdringlich, zu subtil.

Den Anschlag von Paris nannte man bald das 9/11 für Europa. Und dann sind da noch die endlos erscheinenden Ströme der Flüchtlinge. Und nun schaut man in eine dunkle Sackgasse mitten in der eigenen Stadt, sieht fremde Schatten – und es packt einen das Grauen vor dem Ungewissen. Anders gesagt, die bisherigen Gewissheiten sind erschüttert.

Es lohnt sich, die schattenreiche Sackgasse, den Schrecken nicht abschütteln zu wollen und sie zugleich kritisch zu dekonstruieren. Vielleicht als ein Versuch, durch verstärktes Hin-denken das Wahrzunehmende aufzusuchen und zu verdeutlichen. Was will im Schrecken, im Dunklen wahrgenommen, gesehen werden? Vielleicht ist es die eigene Schattenproduktion.

Aber gerne zuerst einmal weiter der Blick in die eigene jüngere Geschichte: 9/11 war ein Verlust von „wir-haben-es-im-Griff“. Das hat eine Welle ideologischer Einigkeit (Patriotismus = Wir gegen die) gegenüber „dem fremden Bösen“ ausgelöst, was dann medial in Endlosschleifen verbreitet, in die Formel des „War on terror“ gegossen wurde. Es ging um „unser System“. Gesagt wurde „Freiheit“ gemeint war aber vor allem auch „Control on markets“. Auf dessen Grundlage wurde als nächstes eine „Allianz der Willigen“ geschmiedet, die mit rüdem Druck gegen autonome Regierungen und Länder in unsinnige Kriege zog.

Das Ergebnis dieser Kriege ist, – abgesehen von den Milliarden-Gewinnen für den Security-Unternehmer Dick Cheney -, nichts als Verlust von Sicherheit, Kontrolle und tausenden von Menschenleben.
O.K., das ist vermutlich schon polemisch. Und doch fällt einem die glauben-machen-wollende Formelhaftigkeit der westlichen Sprache in den anfänglichen Jahren des 21.Jh. – und bis heute – auf.

Weitsichtiges checks and balances, ein partnerschaftliches Prinzip in der Politik, das nach sozial- und rechtsstaatlichem Ausgleich strebt, wurde offen sichtlich ausgetauscht durch zermürbendes und reaktives Krisengerede und polarisierende gegenseitige Erpressung. Während die soziale Not in zu vielen Regionen der Welt steigt, hat die steuerbefreie Umdrehung der täglichen Geldbewegungen an den Börsen immer weiter zugenommen.

Was aber vor allem dabei zugenommen hat, ist der internationale Terrorismus, den vor allem unser „strategischer Partner Saudi-Arabien“ finanziert. Ist es bereits paranoid oder verschwörungsthoretisch, wenn man sagt: Man hat nun Grund, Geld in Rüstung zu stecken und Kontroll-Gesetze zu verschärfen?

Die Jahre des „state-building“ (Paul Bremmer im Irak) (Militär sichern die NGOs in Afghanistan) waren eine verlustreiche, endlose Katastrophe. Im Irak ist ein politisches, kulturelles, rechtsstaatliches und militärisches Vakuum entstanden, dass den alten Sadam-Militärs die Möglichkeit bot, sich auf das vorzubereiten, was sich heute, propagandistisch schlau, stattdessen als Staat (IS) bezeichnet, und anschickt die Saudischen Doktrien einer ‚Renaissance des Islam‘ herbeizubomben. („wir“, also unsere Rechtsstaats-Idee, sind dabei der Feind). Und zugleich kaufen wir deren Öl und sie kaufen sich in unsere Firmen ein. Hatten wir nicht bereits im „kalten Krieg“ ebenfalls die Spaltung in zwei gegensätzliche Doktrien als Ratio unseres Denkens und Handelns? Sind wir wieder da gelandet?

Nun hat das alles zwar mit Glaubenssystemen, aber nichts mit frommer Religion zu tun. Es sein denn, mit dem Potential allen Glaubens, Einzelne und Gruppen zum unreflektierten Glauben an mythisch-überhöhte quasi-göttliche Eigen-Mächtigkeit zu bringen. Das ist aber nicht nur dem radikalisierten Islam eigen, sondern auch dem radikalisierten Kapitalismus.
Glaube ich an die Kraft des vermeintlich Heilbringenden, habe ich Teil an ihm.

Vielmehr als mit Re-ligio, also Wieder-Verbindung, haben wir es zu tun mit dem – im Gegenteil – trennenden Mangel an aufklärerischer Reflektion der eigenen Denkvoraussetzungen. Dieser äußert sich in unseren eigenen gruppenhaft angelernten und täglich selbst bestätigten ideologischen Grundhaltungen. Die verbreitete und breitgetretene westliche Weltsicht ist noch sehr viel näher an der voraufklärerischen Gläubigkeit, als wir meinen mögen. Wir glauben zum Beispiel, Geld regiere die Welt. Wir glauben, wenn jeder für sich sorgt, sei für alle gesorgt. Wir glauben, eine naturwissenschaftliche Funktionsbeschreibung ersetze oder erkläre ethische Grundhaltungen.

Damit kommen wir zum kritischen Punkt der eigenen Passivität. Sie bezieht sich auf „den Anderen“, unser Bezogen-sein. Diese Passivität gegenüber Anderen speist sich aus einer zur anspruchsvollen und teilnahmslos konsumierenden Bequemlichkeit erziehenden Ideologie des Kapitalismus. Kapitalismus ist das abstrakte System, mit dem wir uns mehr und mehr voneinander distanzieren. Abstrakt sind die Preise, distanzierend ist der Bezahlverkehr.

Um es ins Bild zu bringen: Die vollen Regale stehen begegnungslos, reibungslos, in entmenschlichten Schattenwelten. Unendlich viel menschliche Kräfte befassen sich mit der Optimierung von Plastik-Verpackungen, deren Inhalten, Bewegung, Lagerung und Verbrauch. Große Teile des Geldes verschwinden in dunklen Kanälen, statt zurückzukehren zu den Menschen. Wir sehen ohnmächtig den „Marktgesetzen“ und den als „legitim“ und „legal“ bezeichneten Steuerbetrügern zu, als entsprängen diese göttlich unverrückbaren Naturgesetzen. Das ist nichts anderes als magisches Denken.

Unsere Passivität speist sich aus der falschen Annahme dessen, was wir Besitz nennen. Wir meinen, mit dem Kauf und der Bezahlung könnten wir jegliche Schuld und Mitverantwortung tilgen. Wir meinen, wir würden besitzen, was wir bezahlt haben, aufgrund unseres eigenen – sich von der Faulheit und Dummheit Anderer unterscheidenden – Fleißes. Wir haben selbst verdient, dass es uns so gut geht. Den wahren Preis bezahlen die, denen wir den Zugang verwehren. Unsere arrogante Selbstgerechtigkeit ist kaum mehr zu überbieten. Ich spreche also über die Wirkung von Lebenslügen, unsere Abspaltungen und über anstehende Entwicklungsschritte.

Furcht und Schrecken steigen, also das Phobische, vor allem angesichts drohender Entlarvung eines falschen Denkens und nun drohender Verluste. Dazu gehören natürlich auch Freiheits-Werte. Es geht darum, dass unsere Freiheit zu vielen Menschen auf der Welt deren Chancen auf Teilhabe kostet. Unser Mangel an ausgleichender Fairness kostet deren Freiheit, deren Bildungsmöglichkeiten und Möglichkeiten eines würdigen Lebens. Mindestens muss das innerhalb derer eigenen Wertesysteme möglich sein. Unterschiede sind nichts Schlechtes.

Klar schrecken unkontrolliert drohende Anschläge. Man könnte sich per Denunzierung verdächtiger Elemente für einige Momente, ein paar Tage, eine Woche davon befreien. Aber wir müssen im Westen wohl konstatieren: Der Geist ist aus der Flasche. Es ist wie beim Goethe’schen Zauberlehrling: Wir haben den Geist mißbraucht.

Das beweist unsere Angst, die im Kopf angekommen ist. Man sieht schon Schatten – überall gefährliche Bewegungen. Die bewegten Schatten sind aber die Gegenbilder unser aller Unterlassungen, Passivitäten, Ablenkungen von dem, was tagtäglich in einem Großteil der Welt grausam vor sich geht. Jeder dieser Schatten ist das Echo unserer In-Kauf-nahme einer tiefgreifenden Respektlosigkeit und Ignoranz unserer Geiz- und Übervorteilungs-ideologischen Lebensweise.

Aber, wie die tausenden Flüchtlinge nicht mehr aufzuhalten sind, wird der Terror uns unsere Botschaft, die wir seit Jahrzehnten aussenden, zurücksenden:
Wir haben das Recht; wir haben die Mittel; wir haben die Möglichkeit; wir haben die Freiheit, wir haben, wir machen. Wir lassen uns nicht bremsen. Das ist die gnadenlose westliche Logik.

Nichts anderes wendet Putin in Russland gegen „den Westen“ an, nichts anderes wenden die verführten Dumpfbacken aus den Pariser, Londoner und Brüsseler Vorstädten gegen „uns“ an. Denn „die“ da, hatten – in den meisten Fällen – in keinem „Wir“ eine würdige Chance. Das bezieht sich auf die alten Kolonialstaaten, auch den Iran – und es bezieht sich auf die Vorstädte, von wo aus die Söhne nicht-integrierter Einwanderer rebellieren. Und die intelligenten unter ihnen, nutzen die Chance, sich als Führer zu stilisieren. Diese jungen Leute rebellieren gegen das Ausgestoßen-sein.
Die Soziologen sagen: In den radikalisierten Islamistengruppen entstehen die Bezogenheiten, die sie „bei uns“ nicht gefunden haben. Sie erleben, manche erstmals in ihrem Leben, Zugehörigkeit zu etwas Größerem, sie erleben, etwas bewirken und verändern zu können.

Dieses Größere ist uns im Westen leer geworden, abhanden gekommen. Die eigene Privatheit, solange sie sich an nichts wirklich und tatsächlich anschließt, eignet sich offenbar nicht als Ersatz für Größeres. Das ungesunde Gegenbild des fundamentalistischen Kapitalismus ist der unbedingte Anspruch auf andere ausschließende, auf Furcht und Schrecken gebaute Privatheit.

Und zugleich gilt: Phobos, der Schrecken, ist keine Antwort. Schrecken ist der Irrtum unserer fundamentalistischen Denkweise, – auch der der Terroristen. Angst und Schrecken erstarren geistig vor einer integrierenden Klärung, vor der nötigen Veränderung des Denkens. Weil nämlich aus Schatten falsche Schlüsse gezogen werden. Phobie vertieft die Kluft, die Distanz – ohne zu lösen. Es sind neue (gesundende) Haltungen notwendig.

Ich hätte die Herren in der dunklen Sackgasse vielleicht mit einer Frage angesprochen, hätte ihnen meine Befürchtungen mitgeteilt, mich um Aufklärung bemüht, hätte um Verständnis gebeten dass ich in diesen unruhigen Zeiten trotzdem gut schlafen möchte. Ich vermute, das hätten die verstanden.
Hätte sich mein Schatten-sehen in ihrem Verhalten trotzdem bestätigt, wäre ich vermutlich schon zur Polizei. So würde ich meine Chance auf Klärung verdoppeln. Sonst bleibt nur im Unbestimmten grollend heranreifende Angst, die nichts klärt, aber die Schatten verlängert und dunkler macht.

Am Ende der ebenfalls möglichen phobischen Kette stimme ich womöglich noch radikaleren Maßnahmen und waffenstrotzenden Freiheitseinschränkungen zu, deren Schrecken in einer dunklen Sackgasse mit einem Ford-Transit mit englischem Kennzeichen und ein paar bärtigen, aber wie alte Weiber gekleideten britischen Freaks ihren Ausgangspunkt nahmen.

Nein, an dieser Schwelle stehe ich selbst. Und ich bin und bleibe verantwortlich für den Umgang mit meinen Beobachtungen, Vorstellungen, meinen Schatten, meinen Ängsten. Meine Angst kann mir niemand nehmen, immerhin – nur ich selbst. Es geht darum, bewußt eine Haltung einzunehmen.

Mit jedem Gedanken, jeder Geste, jeder Antwort gestalte ich einen Teil meiner und der mich umgebenen Wirklichkeit. Es wird einmal mein Leben gewesen sein, dessen Ende ich nicht bestimmen kann. Nichts anderes lebt auf als „Welt“, als die, auf die ich schaue. Und es gibt derer viele Welten, die jedoch in einer Welt zusammenleben. Alles Weitere fällt schwer zu bestimmen und ist nicht selten pure Abstraktion. – Ich muss mich entscheiden.

Mittwochabend

Ich habe jeden Mittwoch Sport. Hin und zurück laufe ich. Beim letzten Mal ist mir auf dem Rückweg etwas Merkwürdiges passiert. Nachdem ich links in die sehr schlecht beleuchtete Sackgasse eingebogen war, fiel mir ein kleiner Lieferwagen mit einem Autokennzeichen aus Großbritannien auf. Ein Ford Transit. Ein älteres Modell. Das Innere des Wagens war schwach beleuchtet. Ich konnte sehen, wie jemand eine Decke oder so etwas Ähnliches zusammenfaltete und dachte mir, dass da sich wohl jemand für die Nacht fertig macht. Es kann ja vorkommen, dass man aus was für Gründen auch immer, im Auto schläft. Als ich auf der Höhe des Fahrzeuges war, sah ich, dass es im Innern keine Schlafplattform gab und sich der Mann im hinteren Teil des Wagen in mitten von Gepäckstücken stand, die er wohl mit der Decke vor unliebsamen Blicken schützen wollte. Zwischen den Gepäckstücken meinte ich ein oder zwei helle Behälter wahrzunehmen, war mir aber nicht sicher. Möglicherweise waren es auch die Radabdeckungen der Hinterräder. 
Das alles hätte mir weiter nicht zu denken gegeben, wenn der Mann im Wagen und der Mann, der draußen vor der Ladefläche stand, nicht dieses typisch salafistische Outfit gehabt hätten: Südländer, dunkle Haare, helle Kopfbedeckung, Vollbart, Pumphose. Damit kam eins zum andern: die dunkle Sackgasse, der Wagen mit dem britischen Kennzeichen, die hellen Behälter im Laderaum und der alte Ford Transit. 
Ich bin nicht stehen geblieben und habe mir die Sache etwas länger angeschaut. Am Ende der Sackgasse bin ich die Treppe rauf und wollte mich „heimlich“, hinter einem Busch verborgen, davon überzeugen, was denn da unten vor sich ging. Erkennen konnte ich wegen des Gestrüpps und der Dunkelheit aber nichts. 
Ich fühlte mich so ungefähr wie jemand, der im Bahnhof einen herrenlosen Koffer entdeckt und sich nun fragt, ob er wegen diesem Ding nicht irgendjemand vom Bahnhofspersonal ansprechen sollte. Sollte ich also die Polizei verständigen. Gleich, von Zuhause aus? Neh, dachte ich, nur weil die Leute etwas anders aussehen, muss ich doch nicht gleich so einen Terz machen. Andererseits: wozu ist die Polizei sonst da? Die werden die beiden ja nicht sofort festnehmen und einkerkern. 
Als ich Zuhause war, habe ich die Polizei nicht angerufen. Wir haben zu Abend gegessen und ich hab ein bisschen vom Sport erzählt.

Genau

Ich fürchte ich bin nicht genau genug.Rechts neben mir, ein Mann. Etwas größer als ich. Eine blaue Baseballmütze, ein blaues, kurzärmeliges Piqué-Hemd. Markenwahre. Eine beige, nicht zu enge, lange Baumwollhose mit einem weißen Gürtel, leichte, sportliche, helle Stoff-Schuhe mit einer grauen Profilsohle, dezent abgesetzt mit einem hellgrünen, ganz dünnen Strich. In der rechten Hand, beinahe ganz umschlossen, ein rundes, weißes Etwas. In der linken Hand eine metallische, knapp einen Meter lange Stange, ähnlich einem Gehstock, unten, mit einer Art Metallplatte, nicht größer als eine Zigarettenschachtel, oben, mit einem dunklen Kunststoffüberzug und einer weißen, vertikal verlaufenden Beschriftung. 

Wir beide schauen in dieselbe Richtung. Er, etwas vor mir, ich, mit geringem Abstand, wie hinter ihm. Man möchte meinen, wir warten. Er, leger, das linke Bein vor dem rechten gekreuzt, leicht aufgestützt auf den beschriebenen, metallischen Stock. Er sieht gut aus, hat ein gepflegtes, unangestrengtes Äußeres. 

Ich, wie gesagt, kurz hinter ihm. Meine Baseballkappe ist die gleiche wie seine. Ich bin ein paar Zentimeter kleiner und trage eine verspiegelte, sportliche Sonnenbrille. Mein Piqué-Shirt ist ebenfalls kurzärmlig, aber etwas heller als seins. Mein Kragen ist außerdem limetten-gelb, genauso wie die Abschlüsse der Knopfleiste und die Ärmelenden. Ich trage eine kurze, halblange, dunkelblaue Hose. Das Logo des Herstellers ist auf dem linken Hosenbein, kurz oberhalb der Naht, wie eine Stickerei eingenäht. Meine Sportschuhe sind leuchtend orange. Ohne Profil.

Über meiner rechten Schulter trage ich ein weißes, blau abgesetztes, nicht zu großes Frotteetuch, über meinem kurzärmligen Hemd, einen weißen, ärmellosen und an den Seiten offenen, latzähnlichen Überwurf, der auf beiden Seiten mit einem dünnen, geknoteten Band zusammengehalten wird. Auf der Brust sieht man das Emblem eines europäischen Automobilherstellers, unter dem, in Großbuchstaben, sein Name steht, den ich grade nicht mehr weiß. Unter dem Namenszug sind drei einfache Hemdtaschen, in denen ich einen Kugelschreiber und etwas wie eine Tabelettenschachtel aufbewahre. Ich habe nichts in der Hand und stütze mich nicht irgendwo auf. Meine Arme habe ich leicht angewinkelt und die Finger bis zu den Handknöcheln in den Hosentaschen. Etwas gezwungen. Mein rechtes Bein ist gestreckt, mein linkes leicht gebeugt. 

Ich weiß nicht wie lange wir schon so stehen. Vollkommen bewegungslos. Wie auf einem Foto. Eine Ewigkeit. Jetzt fällt mir der Name wieder ein, der vorne auf meinem Überwurf steht. Marcel Schneider. Und links hinter mir steht unter einer in Großbuchstaben gesetzten Überschrift ein kurzer Text über ihn.

Masern

Er wusste noch genau, wann er das Auto gekauft hatte. Es war der 17. Mai 1999. Er war morgens mit schlechter Laune aufgewacht. Petra hatte Anfang Mai mit ihm Schluss gemacht und die Erinnerungen an sie quälten ihn immer noch. Sie waren fast fünf Jahre zusammen gewesen. Und dann, am vorletzten Sonntag, eröffnete sie ihm, dass sie nicht mit ihm Urlaub machen wolle. Die Flugtickets hatten sie noch im Februar gemeinsam gekauft. Im Internet. Sie kannte sich damit ziemlich gut aus; er war eher ein Gelegenheitssurfer: hin und wieder machte er seinen Computer an und bestellte online eine Pizza. 

Malediven? Wo ist das denn, wollte er wissen. Sie war früher schon mal da gewesen und hatte scheinbar nur gute Erinnerungen. Auf seine Frage hin verschwand sie kurz im Schlafzimmer und kam mit einem Fotoalbum zurück. Blaues Kunstleder. Das musste schon einige Jahre auf dem Buckel haben. Ostware?, fragte er zugegebenermaßen etwas dümmlich. Neh, äffte sie ihn nach, keine „Ostware“. Wo sollte ich denn auch schon Ostware herhaben, wo ich mein Leben lang im Westen gewohnt habe. Karstadt oder so, fügte sie noch hinzu, als sie zu dem Album griff und es öffnete. „Malediwen 1987“, stand auf der ersten Seite. Familienfotos. Petra mit ihrer Mutter am Strand. Die Mutter mit einem dunkelhäutigen Mann am Strand. Daneben mit Kinderschrift geschrieben: das Eis war so lecker und Jim war sehr freundlich. Dann das Meer. Ein Hund am Strand. Ein Pferd. Ein Pferdewagen. Dann wieder Petra. Dann Petra mit ihrem Vater und Petra mit dem Hund von vorhin. 

Was ist denn? Findest du das doof? Tatsächlich kam ihm die ganze Sache etwas seltsam vor. Er konnte sich bereits jetzt lebhaft vorstellen, was seine Hundehaarallergie mit ihm anrichtete, wenn er sein Badetuch an einem Strand ausbreitete, zu dem reudige Vierbeiner Zutritt hatten. Das Gesicht, das er beim betrachten des Albums machte, konnte er sich auch gut vorstellen. Malediwen, sagte er. Wo liegt das denn?, fragte er, bemüht so normal wie möglich zu klingen. 

Spinnst du?, sagte sie. Du bist ja total bescheuert. Glaubst du ich bin blöd und merke das nicht? Was denn? Er war sehr überrascht. Er verstand nicht ganz, was sie meinte. Was issn jetz? DU spinnst!

Sie drehte ihm kurz den Rücken zu. Sie war sauer. Dann drehte sie sich wieder zu ihm, nahm mit beiden Händen das Fotoalbum, riss es förmlich unter ihm weg und brachte es wieder ins Schlafzimmer.

Er wartete in der Küche, dass sie zurückkam. Aber nichts regte sich. Er wusste nicht, was er tun sollte. In seiner eigenen Küche kam er sich fremd vor. Er kratze mit einem Fingernagel an der Tischplatte rum, so als wolle er einen etwas älteren Essensrest entfernen. Die Küchenuhr tickte. Vor dem Fenster war es schon lange dunkel. Irgendwann wurde es ihm langweilig. Er stand auf. Mit den Kniekehlen stieß er den Stuhl leicht zurück. Da war das Geräusch wieder. Petra sagte immer, dass er das lassen solle, weil sie davon Gänsehaut bekomme (Sukhbinder Kumar, Uni Newcastle). Reflexartig griff er nach der Stuhllehne, doch seine Hand fasste ins Leere. Egal, dachte er noch, als wolle er sich vor sich selbst für das Geräusch entschuldigen. Er trank das Glas, das vor ihm stand, noch aus und stellte es in die saubere Spühle; Petras Glas lies er auf dem Tisch stehen. Er ging ins Schlafzimmer. Petra war ins Bett gegangen. Sie schlief.

Compagnie Marie Chouinard (Theaterhaus Stuttgart, 26.06.2015)

Ein schönes, helles Bühnenbild. Passend auch die einfache Kleidung der Tänzer und Tänzerinnen. Die Beleuchtung, in Ordnung. Die Musik, elektronisch, Synthisizer in der vollen Bandbreite von leisen, schmalen Geräuschen bis lautem, rhythmischem, breit daherkommendem Pulsieren. Zwischendurch, leider, das Rauschen der vollkommen unzureichenden Klimaanlage des Theaterhauses. Die Tänzerinnen und Tänzer: durchweg auf einem hohen technischen Niveau. Beweglich, aber nicht bewegend.Im Stuttgarter Theaterhaus standen zwei Stücke der compagnie Marie Chouinard auf dem Programm. Eine Uraufführung mit dem Titel „Soft virtuosity, still humid, on the edge“ und „Mouvements“.

„Soft virtuosity, still humid, on the edge“ beginnt mit zwei Frauen in der Mitte der Bühne. Beide bekleidet mit einer engen schwarzen Hose und einer weiten, dunkelblauen Bluse. Die eine schaut, in Richtung Publikum, der anderen zu, wie sie längs der Bühne vor ihr hin und her zu laufen beginnt. Ihr Gang, der nach jedem Richtungswechsel etwas anders ausfällt, erinnert an eine Person mit einer körperlichen oder geistigen Behinderung: Klumpfuss, Hüftschaden, Spastik…. . Meine Bemühungen diese Darbietung zu verstehen, einzuordnen oder nachzuempfinden scheitern. Was hat es mit diesen „behinderten“ Gangarten auf sich? Ich sehe Bewegungen und sonst nichts. 

In „Soft virtuosity, still humid, on the edge“ bilden diesen verschrobenen Gehweisen ein zentrales Moment und kommen immer wieder vor. Mal geht eine Person so, mal alle. Dass da etwas fehlt, muss auch der kanadischen Choreografin Marie Chouinard auch aufgefallen sein, denn irgendwann stellt sie zwei Videokameras auf die rechte und linke Seite der Bühne. Nun ändert sich vieles. Die Tänzerinnen und Tänzer laufen jetzt nicht mehr nur entlang der Bühnenkante, sie laufen auf die Kamera zu; die Bilder werden riesig auf die Bühnenrückseite projeziert. Jetzt bekommt alles etwas mehr Dichte: das Blau und Schwarz der Kleidung, Licht und Schatten auf den Grimassen ziehenden Gesichtern. Die Bilder der beiden Kameras wechseln sich allerdings so ab, dass ich nicht mitkomme. Es gibt scheinbar willkürliche Sprünge im (filmischen) Schnitt. Mein Blick sucht nach einer Beziehung zwischen der Projektion (dem Bild) und den Projezierten (den nun Abgebildeten). Das eine oder andere Gesicht der Tänzer erkenne ich in den großen Bildern wieder, verfolge es, vergleiche es manchmal mit dem „Original“, und umgekehrt. Während die Aufmerksamkeit bei den großen Gesichtern, Farben und Bewegungen der Projektion ist, verkümmern allerdings die anwesenden Künstler und Künstlerinnen zu bloßen Komparsen, für die die Eigenschaft „original“ nicht mehr so richtig zu passen scheint. Doch es vergeht nicht viel Zeit und die Kameras werden wieder abgeschaltet.

Es gibt eine zweite, sehr schöne Szene in „Soft virtuosity, still humid, on the edge“ bei der es kurioserweise wieder die Kamera ist, die den Tänzerinnen und Tänzern, also „dem Stück“, Leben einhaucht. 

Die Szene beginnt im hinteren Bühnenraum, ganz links, wo die ganze Gruppe sitzend, liegend, kniend eine kleine Körperlandschaft bildet, die sich nun, in Zeitlupe, mit einander interagierend, in Richtung rechten Bühnenrand zu bewegen beginnt. Dabei wird von dieser Körperlandschaft horizontal etwa die Hälfte und vertikal ungefähr der Bereich zwischen Becken und Schulter in voller Größe per Videobild auf die Bühnenrückwand projeziert. 

Und wieder sind es die großen, ausdrucksstarken, durch Licht und Schatten viel stärker „als in Wirklichkeit“ modelierten Gesichter, Gesten und Körper, die jeden Ausdruck und Sinn an sich zu binden scheinen. Während dieses Tanzes kommt den Händen und Gesichtern, die wie schwebend die beschriebene Projektionszone zwischen Becken und Schulter immer wieder durchqueren, eine ganz besondere Rolle. Auf der Leinwand sieht man in den Händen und Gesichtern, durch die Zeitlupe seltsam verfremdet, die ganze Spannbreite menschlichen Seins: Grauen, Ekel, Angst, Freude, Liebe. Und seltsamerweise fühlt man sich an Szenen bekannter Gemälde erinnert, Raphael, Velazquez, Miguelangelo, Goya,… . Das ist gut gemacht, sehens- und hörenswert, auch wenn die Voraussehbarkeit des Ganzen – das geht jetzt so weiter, bis alle am rechten Bühnenrand angekommen sind – künstlerisch beinahe tödlich ist. 

Die eigentlichen Höhepunkte von „Soft virtuosity, still humid, on the edge“ sind jedoch ein Solotanz und ein Duo, die hier zu beschreiben wenig über den Gehalt der beiden Darbietungen sagen würde.

Das zweite Stück des Abends, „Mouvements“, basiert auf Henri Michaux und dessen Aufzeichnungen aus den frühen 1950er Jahren, die unter dem Einfluss halluzinogener Drogen (Mescalin) entstanden sein sollen.

Alles beginnt mit einer Projektion. Eine riesige weiße Postkarte, auf der man kurz die Abfolge dessen, was nun geschieht, liest. Bis alle Schrift verschwindet und die Tuschekritzeleien Henri Michaux eingeblendet werden. Diese sicher nicht uninteressanten Bilder werden nun von den Tänzerinnen und Tänzern „nachgesprungen“ und „dargestellt“. Wie mühen sich die Tänzerinnen und Tänzer ab und werden doch „nur“ danach bewertet wie gelungen oder misslungen sie die Tuschekritzelei nachstellen. 

Im Nachstellen der Tuschezeichnungen entstehen einige neue, bisher nicht gesehene Bewegungen. Sie zu erfinden ist zweifellos eine große Herausforderung und eine Leistung für jede Choreografin modernen Tanzes. Notwendig ist aber nach der besagten „Erfindung“ eine Übernahme in das jeweils persönliche Vokabular tänzerischen Ausdrucks. Kommt es nicht zu dieser „Adaptation“, neigt die (tänzerische) Bewegung dazu, leer und mechanisch zu sein, was noch kein Beinruch sein muss.

Gegen Ende von „Mouvements“ wird die Musik noch einmal rhythmisierender und lauter. Das Licht auf der Bühne geht aus. Plötzlich sind die projezierten Tuschekritzeleien nicht mehr schwarz, sondern weiß und wechseln einander nicht zögerlich ab, sondern sehr schnell. In einem stroboskopisch erleuchtenden Kreis beginnt eine nackte Figur die Schlag auf Schlag sich ändernden Kritzeleien nachzutanzen. Jetzt vergleicht man nicht mehr. Jetzt entsteht etwas Eigenes, jetzt wird es lebendig. Weitere Tänzer kommen in der Kreis, tanzen, wie verrückt. Beeindruckend. 

Dann ist plötzlich Schluss. Ende. Das Publikum ist begeistert. Applaus. Verbeugungen. Und ab. Wieder Verbeugungen. Und wieder ab. 

Mir erschließt sich die Begeisterung des Publikums leider nicht. Ich bewege die Hände wie beim Applaus, achte aber darauf, dass kein Ton entsteht.

Hirut, der Film

Sonntag. 11.00 Uhr morgens. Eigentlich keine Zeit, um ins Kino zu gehen. Die Kirche fing früher un-ge-fähr um diese Zeit an. Wie gesagt: früher. Warum also nicht jetzt ins Kino gehen.

Heute ist der Internationale Frauentag. Im Kino: Das Mädchen Hirut. Den Trailer hatte ich vorher gesehen. Die Geschichte eines Mädchens in einer Gesellschaft, in der für Mädchen und (junge) Frauen eigentlich kein Platz ist.  Außer in der Küche, im Stall oder in der Kirche. Irgendwie hatte ich Afghanistan im Kopf. Der Film spielt aber in Äthiopien, in Adis Abeba. „Nach einer wahren Begebenheit“ – was immer das auch heißen soll: wahre Begebenheit. Daher die Gesichter, die  nicht nach Afghanistan passen wollten. Äthiopien also: Haile Selassie, Reggaie, verhungernde Löwen, italienische Kolonie, Eritrea… . 

Der Film sah aus wie aus einem „sozialistischen“ Land: arme, aber ehrliche Leute, dann DER Zwischenfall, dann der Kampf mit dem Althergebrachten um die Durchsetzung neuer Werte, dann Rückschläge, aber schließlich: der Sieg von Freiheit und Gerechtigkeit. Mit anderen Worten: der Film war „vorhersehbar.“ Und das sollte ein (guter) Film nicht sein – unabhängig davon, was ein „guter“ Film ist. „Das Mädchen Hirut“ hatte trotz aller Vorhersehbarkeit berührende Momente:  warum sollte es einen auch kalt lassen, wenn Gutes, Richtiges und Schönes sich gegen „alten Scheiß“ durchsetzt.

Nur seltsam, am Internationalen Frauentag, dachte ich, dass der Film ausgerechnet nach dem Opfer benannt wird; dem jungen, vergewaltigten und in ihren Rechten missachteten Mädchen, und nicht nach der Anwältin, die sich während des gesamten Films, in einer Männerwelt, für die Rechte des Mädchens und die Befreiung der Frauen in Äthiopien einsetzt? Ist das nicht auch „etwas“ alter Scheiß?

Angenehm überrascht hat mich am Ende der Name der Produzentin: Angelina Jolie.

P.S. „Das Mädchen Hirut“ läuft diese Woche mit Unterstützung u.a. von Amnesty International und Terre des Femmes im Stuttgarter Kino Atelier am Bollwerk.