Krankenhaussport

A arbeitet in einem Krankenhaus. Er ist irgendwo in der Verwaltung beschäftigt. B arbeitet im selben Krankenhaus und läßt teure Geschenke an eine Geliebte als medizinisches Inventar abrechnen und das Krankenhaus dafür bezahlen. C ist Angestellter bei einer Zeitung und hat mehr als zwanzig Jahre Erfahrung im investigativen Journalismus. A ist die Sache mit den teuren Geschenken schnell Leid und weiß sich nicht anders zu helfen, als C davon in Kenntnis zu setzen. C schreibt in seiner Zeitung über die Angelegenheit und B wird wegen Korruption angeklagt.Weniger überraschend bei der ganzen Geschichte ist, dass sie in Rumänien spielt, überraschender, das C, der mit bürgerlichem Namen Catalin Tolontan heißt, als Journalist nicht bei einem Politmagazin oder einer überregionalen Qualitätszeitung arbeitet, sondern bei Gazeta Sporturilor, einer Sportzeitung. (mehr unter http://www.sueddeutsche.de/medien/pressefreiheit-in-rumaenien-angriff-ist-die-beste-verteidigung-1.3366361 )

Freizeichen: Fast noch ein Kind

F. ist Schüler. Kaum 17 Jahre alt. Fast noch ein Kind. Er ist sozial engagiert. Ihn berührt das Leid anderer. Er macht ein Praktikum und arbeitet in der Großstadt mit obdachlosen Jugendlichen, verbringt mit ihnen die kalten Winternächte, trägt mehrere Pullover über einander und drei Paar Strümpfe. Er will ihnen zuhören und ihnen Aufmerksamkeit schenken. Einmal machen sie alle zusammen einen Ausflug zu einem Toten, der seit zwei Wochen unentdeckt in der Großstadt liegt, irgendwo. F. findet keine Worte, um auszudrücken, was in ihm vorgeht.Als er irgendwann nachts alleine am Stadtpark vorbeiläuft, hört er Schreie. Eine Frau ruft um Hilfe. F. ist 17 Jahre, fast noch ein Kind. Er will helfen. Es gibt Menschen, denkt er, denen hilft niemand. Er will nicht so einer sein. Niemals. Er horcht in die Nacht, um herauszufinden woher die Hilferufe kommen. Er geht los. In den schlecht beleuchteten Stadtpark hinein. Die Schreie kommen näher. F. sieht drei Männer, die eine Frau umstehen, die wie um ihr Leben schreit. Er läuft noch einige Schritte auf die Gruppe zu. Niemand bemerkt ihn. Als er nahe genug ist, schreit er so laut er kann. Die drei Männer erschrecken sich. Sie lassen für einen Moment von der Frau ab und schauen zu F. herüber. Die Frau nutzt die Gelegenheit und rennt weg, so schnell sie kann.

„Freizeichen: Fast noch ein Kind“ weiterlesen

Pedro Pablo Kuczynski

pderopablokuczynski-1

Wenig hat man bisher über den neuen Präsidenten von Perú lesen können. Sein Name ist Pedro Pablo Kuczynski.
Folgt man der renommierten spanischen Tageszeitung El Pais, dann steht Pedro Pablo Kuczynski für den Geist einer gesamten Epoche. In seiner Person kreuzen sich Lebenslinien, die beeindrucken.
Pedro Pablos Vater war Max Kuczynski Schlesinger, der Ende des 19. Jahrhunderts in Berlin geboren wurde. Max‘ Familie väterlicherseits stammte aus Posen, im heutigen Polen. Seine naturwissenschaftlichen und medizinischen Studien führten Max Kuczynski nach Freiburg, Berlin und Rostock. 1929 entwickelte er mit einem Team brasilianischer Ärzte eine Impfung gegen Gelbfieber, die auch heute noch eingesetzt wird. 1933 flieht Max Kuczynski vor den Nazis nach Lima. Dort heiratet er 1935 Madeleine Godard. Sie ist Schwester des schweizer Arztes Paul Godard, dessen Sohn Jean Luc Godard der bekannte Filmregisseur ist. Nach der Heirat nennt Max Kuczynski sich Maxime Kuczynski Godard und arbeitet u.a in einer peruanischen Leprastation, wo sein ungewohnt liebevoller und direkter Umgang mit den Kranken großen Eindruck auch auf eine Person macht, die damals grade 24 Jahre alt ist, Medizin studiert und mit dem Motorrad Südamerika bereist. Es ist der Argentinier Ernesto Rafael Guevara de la Serna, Che Guevara.
Maxime Kuczynski Godard, der 1967 in Lima stirbt, ist in den später 1940er-Jahren nach einem Gefängnisaufenthalt infolge eines Putsches so sehr von der Rückschrittlichkeit der peruanischen Machthaber enttäuscht, dass er die Ereignisse in China mit großer Hoffnung verfolgt. Dort setzt sich Mao Zedong im chinesischen Bürgerkrieg schließlich gegen die alten Machteliten durch. Max Kuczynski verbindet aber nicht nur große Hoffnung mit Mao, er gelangt sogar zu der Überzeugung, dass seine Kinder in China erzogen werden sollten. Diesem Ansinnen kann sich seine Frau Madeleine jedoch widersetzen, so dass dem heutigen Präsidenten Perus die massenmordende kommunistische Tradition unter Mao Zedong erspart bleibt.

„Pedro Pablo Kuczynski“ weiterlesen

Sechzig

Wir kamen grad aus dem Kino und hatten einen südamerikanischen Film gesehen. Die S-Bahn war nicht sehr voll und im hinteren Bereich fanden wir zwei Bänke, auf denen wir drei Platz hatten und uns gemütlich über den Film unterhalten konnten. C. und L. saßen mir gegenüber. In Fahrtrichtung. Neben mir saß ein junger Mann. Anfang bis Mitte zwanzig. Gepflegt. Indischen oder arabischen Ursprungs. Er war mit seinem Smartphone beschäftigt, hielt die ganze Zeit den Blick gesenkt, schaute auf den kleinen Bildschirm und hatte die Kopfhörer im Ohr. Nachdem ich das erste Mal danach geschielt hatte, was der junge Mann denn da schaute, konnte ich mich nicht mehr auf unser Gespräch konzentrieren. C. und L. merkten das und gaben mir mit Blicken zu verstehen, dass ich nicht so auf das Smartphone meines Sitznachbarn schauen sollte. Ich konnte aber nicht anders. „Sechzig“ weiterlesen

„Deutsche Dackel“

Thomas Urban ist Redakteur der Süddeutschen Zeitung in Madrid. Er hat verschiedene deutsche Tageszeitungen abonniert, die der Postbote, weil sie nicht in den Briefkasten passen, gerne auf die Treppe legt. Thomas Urban hat eine nette ältere Dame als Nachbarin. Sie hat einen Dackel, der auch schon älter ist. Einmal fragt die Dame Herrn Urban, ob das seine Zeitungen seien, die da immer auf der Treppe liegen. „„Deutsche Dackel““ weiterlesen

Theatermatinee

Sonntagmorgen. Eine kleine Bühne, ein paar Requisiten, vier Schauspieler. Drei Dialoge. Von George Simenon, Josef Bierbichler und Orhan Pamuk.
Theater ist häufig eine etwas überspannte Angelegenheit. So, als wäre der Film und das Fernsehen eben erst erfunden worden und so, als müsste das Theater noch schnell zu diesen beiden Phänomenen in Konkurrenz treten: da wird dann auf der Bühne nicht nur gespielt, sondern auch gefilmt und das Gefilmte gleichzeitig auf Leinwände projeziert. Als würde all das noch nicht reichen, wähnt der durchschnittliche Regisseur sich unverstanden, wenn er nicht noch zwei oder drei Zuschauer, oft recht übergriffig, in sein Geschehen mit einbezieht. In der Pädagogik spricht man in vergleichbaren Fällen von ADS oder Hyperaktivität. Der Arzt verschreibt dagegen Ritalin, was nicht ganz unumstritten ist. 

Nicht ganz unumstritten ist auch, wie man auf ein Theater reagiert, das ignorant gegenüber seiner selbst ist.

Einen Vorschlag hat nun Eberhard Boeck in der Württembergischen Landesbühne in Begleitung von drei Schauspielerkollegen gemacht. Ganz zurückhaltend und unprätenziös erlebt man skizzenhaft ein Theater, das viele Inszenierung großer Bühnen nicht mehr zu kennen scheinen. Frank Erhardt, Christian A. Koch, Philipp Sommer und Eberhard Boeck sind Teil des Esslinger Ensembles. Ihr Zusammenspiel, die kurzen improvisierten Übergänge zwischen den Dialogen und die ernsthafte Spielfreude verwandeln die szenische Lesung heute morgen in einen Theateraperitif, der Lust auf mehr macht.

Verschwörung

Wie sagt man, wenn man etwas gehört hat, das wahr ist? Wenn man es liest sagt man, dass es da und da stand, Schwarz auf Weiß. Ich glaube man sagt, dass man es mit den eigenen Ohren gehört hat. Mit wessen Ohren sollte man es denn auch sonst hören können? Aber das ist nicht wichtig. Auf jeden Fall habe ich es gehört. In der Tagesschau. Kurz vor dem Wetterbericht. Dass die Uhren diese Nacht um 2 Uhr um eine Stunde auf 3 Uhr vorgestellt werden. Künftig, so der Tagesschausprecher Thorsten Schröder wortwörtlich, bleibt es nun länger hell. „Verschwörung“ weiterlesen

Skeptisch

Die großenteils ausländerskeptische Bevölkerung scheint mit den Landtagswahlen im Frühjahr 2016 nun eine Partei gefunden zu haben, um ihrer Haltung parlamentarisch Ausdruck zu verleihen. Trotz scheinbarem Widerspruch scheint man sich aber nicht bewußt, dass grade die sich benachteiligt Fühlenden bei einem weiteren Anstieg besagter Partei auch leichtes Opfer einer von dieser Partei vertretenen Politik werden können. Denn es sind weniger die noch nicht so stark gebeutelten Mittelschichten, die sich für Hungerlöhne, Zwangsarbeit und Kriminalisierung eignen, wie das derzeitige Prekariat, das mittelfristig als Wählerschaft möglicherweise von den um ihre Existenz sich sorgenden Mittelschichten abgelöst werden könnte. Denn einzig hier wird letztlich eine Mentalität gepflegt, der Wohlstand und Vermögen wichtiger ist als Demokratie und Freiheit. Während das Prekaritat schon lange auf Wohlstand und Vermögen verzichtet und mit Freiheit und Demokratie nur wenig oder gar nichts anzufangen weiß, fehlt es den Mittelschichten an der zur Wertschätzung von Freiheit und Demokratie erforderlichen Tradition. Diese Haltung teilt sie übrigens mit einem Großteil der als fortschrittlich auftretenden gesellschaftlichen Kräfte, deren mehr oder weniger direkte praktische (DDR) oder ideologische (Marx, Lenin, Mao..) Herkunft nicht anders als mit dem Adjektiv autoritär oder regressiv charakterisiert werden muss. Die entsprechend notwendige Schnittmenge beider Strömungen ergibt sich aus seinem einerseits romantisch überstrapazierten (Mittelschichten) und andererseits theoretisch unreflektierten Bezug zum „Volk“, das links wie rechts in einer beklemmenden Weise beinahe aphrodisische Erregungen provoziert, deren Grundlage sich ganz und gar nicht aus einer aufklärerischen Tradition speißt. Grade hieraus werden die teilweise sehr heftigen Reaktionen oppositioneller Kräfte gegen die im Volk sichtbaren reaktionären Tendenzen erklärbar, die sich aber wieder nicht kritisch mit diesem auseinandersetzen und es, in einer Demokratie, als eine Instanz unter vielen in den erforderlichen verfassungsrechtlichen Schranken zu verstehen, sondern gegen dessen nun parlamentarische Repräsentanten. Dass darin wieder einmal das irreführende Moment der Verführung sichtbar wird (Hitler als großer Volksverführer), sagt viel über die Tradition, mit der sich oppositionelle Kräfte im Sinn einer nun ganz anders zu verstehenden Protestpartei, sozusagen spiegelbildlich, gegen den parlamentarisch sich manifestierenden, Partei gewordenen Volkswillen äußern oder äußern werden. 

Spaziergang

Nach dem Spaziergang die Haustüre öffnen, Licht machen, die Türe aufhalten, warten, die Türe schließen, die Treppe hinaufsteigen, den Schirm aufschütteln, aufspannen und so auf den Boden legen, dass die Nachbarn noch vorbeikommen. Dann die Wohnungstüre öffnen, ein großer Schritt damit der Parkettboden nicht nass wird. Erst die Schuhe oder den Mantel ausziehen? Erst den Mantel. Dann die Türe schließen. Jetzt die Schuhe. Mantel aufhängen. Schuhe abstellen, so dass keiner darüber fällt.