Schröder

Das Neue Deutschland meldet in seiner heutigen Ausgabe, dass Ex-Kanzler Gerhard Schröder sich wieder mehr in der SPD engagieren will/soll. Als Illustration zeigt das Neue Deutschland Schröder mit weit geöffnetem Mund, nicht gähnend, sondern singend, und umringt von Trachten tragenden Mitgliedern eines seltsamen Steiger-Chores. Mit dem demographischen Wandel und zunehmendem Alter scheint nicht nur die individuelle Lebenserwartung abzunehmen, sondern auch der individuelle Verstand. „Schröder“ weiterlesen

Schwarz Weiß

Der Bürgersteig ist voll mit altem Kram. Holzplatten, kaputte Blumenkästen, ein Teppich, ein schweres, blaues Kunstledersofa, Schubladen, ein Kinderwagen, Matrazen… und Dinge, die eigentlich nicht in den Sperrmüll gehören. Mehrere Plastiksäcke mit alten Videokassetten und Gesellschaftsspielen, alten Fotos. „Schwarz Weiß“ weiterlesen

Weihnachten

Es ist noch Zeit. Ich suche einen freien Platz. Etwas weiter vorn warten die Leute nicht so gedrängt. Ich setze mich in die Nähe eines jungen Mannes. Er ist schlank, trägt einen gepflegten Vollbart, hat seinen Mantel auf den Sitz zwischen uns gelegt und liest.

Mein „Reisefieber“ legt sich, ich werde ruhiger, lege mein iPad auf meinen vor mir aufrecht stehenden, kabinengeeigneten Rollkoffer und nehme mir noch einmal den Text vor, den ich heute morgen aus der Zeitung kopiert habe.

In „Das Fest als Chance“ kommentiert eine Frau aus Anlass des bevorstehenden Weihnachtsfestes die geopolitische Lage des noch nicht ganz vergangenen Jahres mit folgenden Worten:

„Was für ein grauenvolles und furchterregendes Jahr 2016 liegt hinter uns. Beinah kein Tag ist vergangen, an dem wir uns nicht gefragt haben, ob es jetzt noch schlimmer kommen kann. Und es ist immer noch schlimmer gekommen. Die politischen Erschütterungen durch den Brexit, die Wahl Donald Trumps und das Erstarken populistischer Bewegungen in ganz Europa gehen einher mit Kriegen und dem Beiseiteräumen demokratischer Standards und Gewissheiten.“

Anschließend beschreibt sie die psychischen Auswirkungen, die diese ‚geopolitischen Tragodien‘ weniger bei den unmittelbar Betroffenen und mehr bei „uns“ – wer auch immer damit gemeint ist – haben.

“ Wir können uns die Welt ganz offensichtlich nicht mehr auf Distanz halten. Das Grauen ist ein globales. Und wir sind mittendrin.(…) Alle miteinander ahnen wir, dass wir mit unseren Kräften sorgfältig haushalten müssen, um über die Runden zu kommen.“

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Arbeit 4.0 braucht neue Politik – nicht nur 2017

Derzeit  schielt man landauf, landab auf Trump, wie der Hase auf die Schlange. Protektionismus, also Bevorzugung der eigenen Nation statt Austausch und Vernetzung in einem globalisierten und ausgeglichenen Handel und Wandel, das ruft Entsetzen hervor. Wo soll das enden, fragt man sich. – Nur liegt das Problem weder im Verhalten des Herrn Trump noch ist es neu. Es wird nur deutlicher, dass es da ein Problem gibt. Die nationalistische Drift in Europa hat ihre Gründe nicht bei Trump und es gibt doch Parallelen. Offenbar geht es verschiedenen Kräften um Erhalt oder Erlangung von Kontrolle oder Herstellung einer verlorenen Ordnung. Was liegt dem zugrunde? Und welcher Geist ist aus der Flasche – und kann offenbar schwer wieder eingefangen werden? Immerhin kann festgestellt werden, dass die Annahme, daß marktwirtschaftliche Antworten immer besser seien, als politische, zum Rückzug staatlicher Daseinsfürsorge geführt haben. (H.Däuble, Spiegel).

Es gibt sichtbar ein Problem mit den Regeln des Ausgleichs und der Teilhabe in einer global vernetzten Welt. Man könnte auch sagen, es krankt das Verhältnis von Wirtschaft und Staat. Die Schutzfunktion von Rechtsnormen hat sich verändert, anders gesagt, das Zusammenspiel verschiedener Rechtsordnungen mit den Playern im wirtschaftlichen Kontext wird äußerst fragwürdig ausgelegt und angewandt. Weltkonzerne und Banken spielen die Rechtssysteme gegeneinander aus mittels der Hochgeschwindigkeit und Komplexität der weltweiten Vernetzung, – vor allem bedingt durch Technologie und Finanzindustrie. Die Geschwindigkeit und Dominanz finanztechnischer Einflüsse auf das staatliche Handeln ist ein relativ junges Phänomen. Die sozialen Auswirkungen sind enorm.

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Emotionen und Dominanz-Politik demolieren die Offene Gesellschaft.

Jetzt ist schon Februar. Das nasskalte Wetter kann einem weit weniger anhaben, als das täglich medial dargebotene Krisengewitter. Gegen das eine gibt es Kleidung, vor dem Anderen gibt es nur scheinbar ein Entrinnen. Sich über die jüngsten Zweizeiler des US-Präsidenten auszulassen und über die Frage, ob Fakten in der Politik eine Bedeutung haben, macht einen Schädel, wie ein Grippevirus. Man kann die Abgründigkeit der Frage empfinden nach der Wirklichkeit, nach Tatsachen und muss um Fassung ringen.  Wie anstengend, wenn die gewohnten Ordnungsrahmen selbst Teil des Problems werden. Es kann einem bange werden angesichts dieses europäischen Wahljahres 2017. Karl Popper schrieb schon 1938 gegen die Feinde der Offenen Gesellschaft an. Sieht man auf die EU-Rechten, auf Steve Bannon, kann man annehmen, wir stehen wieder an diesem Punkt.

Bestehen die einzigen Alternativen tatsächlich nur aus Resignation oder zu Brutalität neigenden Vereinfachung? Was oder wer vermag angemessen Ausgleich zu  erzeugen? Wohin den Sinn richten?
Gab es da nicht ein Friedensprojekt EUROPA? Die Zweifel führen die Listen der Suchmaschine an. Wo ist ein Jaques Delors, wo ein Jean Monnet, wo ein Visionär für ein Vereinigtes Europa?  Eines das nicht nur den deutschen Vorteil meint.

Wir profitieren, darauf wird vehement bestanden, von der Globalisierung. Das „Wir“ soll vermutlich mich meinen und dich natürlich auch. Vermutlich meinen aber diejenigen, die so sprechen vor allem sich selbst.

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Krankenhaussport

A arbeitet in einem Krankenhaus. Er ist irgendwo in der Verwaltung beschäftigt. B arbeitet im selben Krankenhaus und läßt teure Geschenke an eine Geliebte als medizinisches Inventar abrechnen und das Krankenhaus dafür bezahlen. C ist Angestellter bei einer Zeitung und hat mehr als zwanzig Jahre Erfahrung im investigativen Journalismus. A ist die Sache mit den teuren Geschenken schnell Leid und weiß sich nicht anders zu helfen, als C davon in Kenntnis zu setzen. C schreibt in seiner Zeitung über die Angelegenheit und B wird wegen Korruption angeklagt.Weniger überraschend bei der ganzen Geschichte ist, dass sie in Rumänien spielt, überraschender, das C, der mit bürgerlichem Namen Catalin Tolontan heißt, als Journalist nicht bei einem Politmagazin oder einer überregionalen Qualitätszeitung arbeitet, sondern bei Gazeta Sporturilor, einer Sportzeitung. (mehr unter http://www.sueddeutsche.de/medien/pressefreiheit-in-rumaenien-angriff-ist-die-beste-verteidigung-1.3366361 )

Freizeichen: Fast noch ein Kind

F. ist Schüler. Kaum 17 Jahre alt. Fast noch ein Kind. Er ist sozial engagiert. Ihn berührt das Leid anderer. Er macht ein Praktikum und arbeitet in der Großstadt mit obdachlosen Jugendlichen, verbringt mit ihnen die kalten Winternächte, trägt mehrere Pullover über einander und drei Paar Strümpfe. Er will ihnen zuhören und ihnen Aufmerksamkeit schenken. Einmal machen sie alle zusammen einen Ausflug zu einem Toten, der seit zwei Wochen unentdeckt in der Großstadt liegt, irgendwo. F. findet keine Worte, um auszudrücken, was in ihm vorgeht.Als er irgendwann nachts alleine am Stadtpark vorbeiläuft, hört er Schreie. Eine Frau ruft um Hilfe. F. ist 17 Jahre, fast noch ein Kind. Er will helfen. Es gibt Menschen, denkt er, denen hilft niemand. Er will nicht so einer sein. Niemals. Er horcht in die Nacht, um herauszufinden woher die Hilferufe kommen. Er geht los. In den schlecht beleuchteten Stadtpark hinein. Die Schreie kommen näher. F. sieht drei Männer, die eine Frau umstehen, die wie um ihr Leben schreit. Er läuft noch einige Schritte auf die Gruppe zu. Niemand bemerkt ihn. Als er nahe genug ist, schreit er so laut er kann. Die drei Männer erschrecken sich. Sie lassen für einen Moment von der Frau ab und schauen zu F. herüber. Die Frau nutzt die Gelegenheit und rennt weg, so schnell sie kann.

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Pedro Pablo Kuczynski

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Wenig hat man bisher über den neuen Präsidenten von Perú lesen können. Sein Name ist Pedro Pablo Kuczynski.
Folgt man der renommierten spanischen Tageszeitung El Pais, dann steht Pedro Pablo Kuczynski für den Geist einer gesamten Epoche. In seiner Person kreuzen sich Lebenslinien, die beeindrucken.
Pedro Pablos Vater war Max Kuczynski Schlesinger, der Ende des 19. Jahrhunderts in Berlin geboren wurde. Max‘ Familie väterlicherseits stammte aus Posen, im heutigen Polen. Seine naturwissenschaftlichen und medizinischen Studien führten Max Kuczynski nach Freiburg, Berlin und Rostock. 1929 entwickelte er mit einem Team brasilianischer Ärzte eine Impfung gegen Gelbfieber, die auch heute noch eingesetzt wird. 1933 flieht Max Kuczynski vor den Nazis nach Lima. Dort heiratet er 1935 Madeleine Godard. Sie ist Schwester des schweizer Arztes Paul Godard, dessen Sohn Jean Luc Godard der bekannte Filmregisseur ist. Nach der Heirat nennt Max Kuczynski sich Maxime Kuczynski Godard und arbeitet u.a in einer peruanischen Leprastation, wo sein ungewohnt liebevoller und direkter Umgang mit den Kranken großen Eindruck auch auf eine Person macht, die damals grade 24 Jahre alt ist, Medizin studiert und mit dem Motorrad Südamerika bereist. Es ist der Argentinier Ernesto Rafael Guevara de la Serna, Che Guevara.
Maxime Kuczynski Godard, der 1967 in Lima stirbt, ist in den später 1940er-Jahren nach einem Gefängnisaufenthalt infolge eines Putsches so sehr von der Rückschrittlichkeit der peruanischen Machthaber enttäuscht, dass er die Ereignisse in China mit großer Hoffnung verfolgt. Dort setzt sich Mao Zedong im chinesischen Bürgerkrieg schließlich gegen die alten Machteliten durch. Max Kuczynski verbindet aber nicht nur große Hoffnung mit Mao, er gelangt sogar zu der Überzeugung, dass seine Kinder in China erzogen werden sollten. Diesem Ansinnen kann sich seine Frau Madeleine jedoch widersetzen, so dass dem heutigen Präsidenten Perus die massenmordende kommunistische Tradition unter Mao Zedong erspart bleibt.

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Sechzig

Wir kamen grad aus dem Kino und hatten einen südamerikanischen Film gesehen. Die S-Bahn war nicht sehr voll und im hinteren Bereich fanden wir zwei Bänke, auf denen wir drei Platz hatten und uns gemütlich über den Film unterhalten konnten. C. und L. saßen mir gegenüber. In Fahrtrichtung. Neben mir saß ein junger Mann. Anfang bis Mitte zwanzig. Gepflegt. Indischen oder arabischen Ursprungs. Er war mit seinem Smartphone beschäftigt, hielt die ganze Zeit den Blick gesenkt, schaute auf den kleinen Bildschirm und hatte die Kopfhörer im Ohr. Nachdem ich das erste Mal danach geschielt hatte, was der junge Mann denn da schaute, konnte ich mich nicht mehr auf unser Gespräch konzentrieren. C. und L. merkten das und gaben mir mit Blicken zu verstehen, dass ich nicht so auf das Smartphone meines Sitznachbarn schauen sollte. Ich konnte aber nicht anders. „Sechzig“ weiterlesen

„Deutsche Dackel“

Thomas Urban ist Redakteur der Süddeutschen Zeitung in Madrid. Er hat verschiedene deutsche Tageszeitungen abonniert, die der Postbote, weil sie nicht in den Briefkasten passen, gerne auf die Treppe legt. Thomas Urban hat eine nette ältere Dame als Nachbarin. Sie hat einen Dackel, der auch schon älter ist. Einmal fragt die Dame Herrn Urban, ob das seine Zeitungen seien, die da immer auf der Treppe liegen. „„Deutsche Dackel““ weiterlesen