Masern

Er wusste noch genau, wann er das Auto gekauft hatte. Es war der 17. Mai 1999. Er war morgens mit schlechter Laune aufgewacht. Petra hatte Anfang Mai mit ihm Schluss gemacht und die Erinnerungen an sie quälten ihn immer noch. Sie waren fast fünf Jahre zusammen gewesen. Und dann, am vorletzten Sonntag, eröffnete sie ihm, dass sie nicht mit ihm Urlaub machen wolle. Die Flugtickets hatten sie noch im Februar gemeinsam gekauft. Im Internet. Sie kannte sich damit ziemlich gut aus; er war eher ein Gelegenheitssurfer: hin und wieder machte er seinen Computer an und bestellte online eine Pizza. 

Malediven? Wo ist das denn, wollte er wissen. Sie war früher schon mal da gewesen und hatte scheinbar nur gute Erinnerungen. Auf seine Frage hin verschwand sie kurz im Schlafzimmer und kam mit einem Fotoalbum zurück. Blaues Kunstleder. Das musste schon einige Jahre auf dem Buckel haben. Ostware?, fragte er zugegebenermaßen etwas dümmlich. Neh, äffte sie ihn nach, keine „Ostware“. Wo sollte ich denn auch schon Ostware herhaben, wo ich mein Leben lang im Westen gewohnt habe. Karstadt oder so, fügte sie noch hinzu, als sie zu dem Album griff und es öffnete. „Malediwen 1987“, stand auf der ersten Seite. Familienfotos. Petra mit ihrer Mutter am Strand. Die Mutter mit einem dunkelhäutigen Mann am Strand. Daneben mit Kinderschrift geschrieben: das Eis war so lecker und Jim war sehr freundlich. Dann das Meer. Ein Hund am Strand. Ein Pferd. Ein Pferdewagen. Dann wieder Petra. Dann Petra mit ihrem Vater und Petra mit dem Hund von vorhin. 

Was ist denn? Findest du das doof? Tatsächlich kam ihm die ganze Sache etwas seltsam vor. Er konnte sich bereits jetzt lebhaft vorstellen, was seine Hundehaarallergie mit ihm anrichtete, wenn er sein Badetuch an einem Strand ausbreitete, zu dem reudige Vierbeiner Zutritt hatten. Das Gesicht, das er beim betrachten des Albums machte, konnte er sich auch gut vorstellen. Malediwen, sagte er. Wo liegt das denn?, fragte er, bemüht so normal wie möglich zu klingen. 

Spinnst du?, sagte sie. Du bist ja total bescheuert. Glaubst du ich bin blöd und merke das nicht? Was denn? Er war sehr überrascht. Er verstand nicht ganz, was sie meinte. Was issn jetz? DU spinnst!

Sie drehte ihm kurz den Rücken zu. Sie war sauer. Dann drehte sie sich wieder zu ihm, nahm mit beiden Händen das Fotoalbum, riss es förmlich unter ihm weg und brachte es wieder ins Schlafzimmer.

Er wartete in der Küche, dass sie zurückkam. Aber nichts regte sich. Er wusste nicht, was er tun sollte. In seiner eigenen Küche kam er sich fremd vor. Er kratze mit einem Fingernagel an der Tischplatte rum, so als wolle er einen etwas älteren Essensrest entfernen. Die Küchenuhr tickte. Vor dem Fenster war es schon lange dunkel. Irgendwann wurde es ihm langweilig. Er stand auf. Mit den Kniekehlen stieß er den Stuhl leicht zurück. Da war das Geräusch wieder. Petra sagte immer, dass er das lassen solle, weil sie davon Gänsehaut bekomme (Sukhbinder Kumar, Uni Newcastle). Reflexartig griff er nach der Stuhllehne, doch seine Hand fasste ins Leere. Egal, dachte er noch, als wolle er sich vor sich selbst für das Geräusch entschuldigen. Er trank das Glas, das vor ihm stand, noch aus und stellte es in die saubere Spühle; Petras Glas lies er auf dem Tisch stehen. Er ging ins Schlafzimmer. Petra war ins Bett gegangen. Sie schlief.

Compagnie Marie Chouinard (Theaterhaus Stuttgart, 26.06.2015)

Ein schönes, helles Bühnenbild. Passend auch die einfache Kleidung der Tänzer und Tänzerinnen. Die Beleuchtung, in Ordnung. Die Musik, elektronisch, Synthisizer in der vollen Bandbreite von leisen, schmalen Geräuschen bis lautem, rhythmischem, breit daherkommendem Pulsieren. Zwischendurch, leider, das Rauschen der vollkommen unzureichenden Klimaanlage des Theaterhauses. Die Tänzerinnen und Tänzer: durchweg auf einem hohen technischen Niveau. Beweglich, aber nicht bewegend.Im Stuttgarter Theaterhaus standen zwei Stücke der compagnie Marie Chouinard auf dem Programm. Eine Uraufführung mit dem Titel „Soft virtuosity, still humid, on the edge“ und „Mouvements“.

„Soft virtuosity, still humid, on the edge“ beginnt mit zwei Frauen in der Mitte der Bühne. Beide bekleidet mit einer engen schwarzen Hose und einer weiten, dunkelblauen Bluse. Die eine schaut, in Richtung Publikum, der anderen zu, wie sie längs der Bühne vor ihr hin und her zu laufen beginnt. Ihr Gang, der nach jedem Richtungswechsel etwas anders ausfällt, erinnert an eine Person mit einer körperlichen oder geistigen Behinderung: Klumpfuss, Hüftschaden, Spastik…. . Meine Bemühungen diese Darbietung zu verstehen, einzuordnen oder nachzuempfinden scheitern. Was hat es mit diesen „behinderten“ Gangarten auf sich? Ich sehe Bewegungen und sonst nichts. 

In „Soft virtuosity, still humid, on the edge“ bilden diesen verschrobenen Gehweisen ein zentrales Moment und kommen immer wieder vor. Mal geht eine Person so, mal alle. Dass da etwas fehlt, muss auch der kanadischen Choreografin Marie Chouinard auch aufgefallen sein, denn irgendwann stellt sie zwei Videokameras auf die rechte und linke Seite der Bühne. Nun ändert sich vieles. Die Tänzerinnen und Tänzer laufen jetzt nicht mehr nur entlang der Bühnenkante, sie laufen auf die Kamera zu; die Bilder werden riesig auf die Bühnenrückseite projeziert. Jetzt bekommt alles etwas mehr Dichte: das Blau und Schwarz der Kleidung, Licht und Schatten auf den Grimassen ziehenden Gesichtern. Die Bilder der beiden Kameras wechseln sich allerdings so ab, dass ich nicht mitkomme. Es gibt scheinbar willkürliche Sprünge im (filmischen) Schnitt. Mein Blick sucht nach einer Beziehung zwischen der Projektion (dem Bild) und den Projezierten (den nun Abgebildeten). Das eine oder andere Gesicht der Tänzer erkenne ich in den großen Bildern wieder, verfolge es, vergleiche es manchmal mit dem „Original“, und umgekehrt. Während die Aufmerksamkeit bei den großen Gesichtern, Farben und Bewegungen der Projektion ist, verkümmern allerdings die anwesenden Künstler und Künstlerinnen zu bloßen Komparsen, für die die Eigenschaft „original“ nicht mehr so richtig zu passen scheint. Doch es vergeht nicht viel Zeit und die Kameras werden wieder abgeschaltet.

Es gibt eine zweite, sehr schöne Szene in „Soft virtuosity, still humid, on the edge“ bei der es kurioserweise wieder die Kamera ist, die den Tänzerinnen und Tänzern, also „dem Stück“, Leben einhaucht. 

Die Szene beginnt im hinteren Bühnenraum, ganz links, wo die ganze Gruppe sitzend, liegend, kniend eine kleine Körperlandschaft bildet, die sich nun, in Zeitlupe, mit einander interagierend, in Richtung rechten Bühnenrand zu bewegen beginnt. Dabei wird von dieser Körperlandschaft horizontal etwa die Hälfte und vertikal ungefähr der Bereich zwischen Becken und Schulter in voller Größe per Videobild auf die Bühnenrückwand projeziert. 

Und wieder sind es die großen, ausdrucksstarken, durch Licht und Schatten viel stärker „als in Wirklichkeit“ modelierten Gesichter, Gesten und Körper, die jeden Ausdruck und Sinn an sich zu binden scheinen. Während dieses Tanzes kommt den Händen und Gesichtern, die wie schwebend die beschriebene Projektionszone zwischen Becken und Schulter immer wieder durchqueren, eine ganz besondere Rolle. Auf der Leinwand sieht man in den Händen und Gesichtern, durch die Zeitlupe seltsam verfremdet, die ganze Spannbreite menschlichen Seins: Grauen, Ekel, Angst, Freude, Liebe. Und seltsamerweise fühlt man sich an Szenen bekannter Gemälde erinnert, Raphael, Velazquez, Miguelangelo, Goya,… . Das ist gut gemacht, sehens- und hörenswert, auch wenn die Voraussehbarkeit des Ganzen – das geht jetzt so weiter, bis alle am rechten Bühnenrand angekommen sind – künstlerisch beinahe tödlich ist. 

Die eigentlichen Höhepunkte von „Soft virtuosity, still humid, on the edge“ sind jedoch ein Solotanz und ein Duo, die hier zu beschreiben wenig über den Gehalt der beiden Darbietungen sagen würde.

Das zweite Stück des Abends, „Mouvements“, basiert auf Henri Michaux und dessen Aufzeichnungen aus den frühen 1950er Jahren, die unter dem Einfluss halluzinogener Drogen (Mescalin) entstanden sein sollen.

Alles beginnt mit einer Projektion. Eine riesige weiße Postkarte, auf der man kurz die Abfolge dessen, was nun geschieht, liest. Bis alle Schrift verschwindet und die Tuschekritzeleien Henri Michaux eingeblendet werden. Diese sicher nicht uninteressanten Bilder werden nun von den Tänzerinnen und Tänzern „nachgesprungen“ und „dargestellt“. Wie mühen sich die Tänzerinnen und Tänzer ab und werden doch „nur“ danach bewertet wie gelungen oder misslungen sie die Tuschekritzelei nachstellen. 

Im Nachstellen der Tuschezeichnungen entstehen einige neue, bisher nicht gesehene Bewegungen. Sie zu erfinden ist zweifellos eine große Herausforderung und eine Leistung für jede Choreografin modernen Tanzes. Notwendig ist aber nach der besagten „Erfindung“ eine Übernahme in das jeweils persönliche Vokabular tänzerischen Ausdrucks. Kommt es nicht zu dieser „Adaptation“, neigt die (tänzerische) Bewegung dazu, leer und mechanisch zu sein, was noch kein Beinruch sein muss.

Gegen Ende von „Mouvements“ wird die Musik noch einmal rhythmisierender und lauter. Das Licht auf der Bühne geht aus. Plötzlich sind die projezierten Tuschekritzeleien nicht mehr schwarz, sondern weiß und wechseln einander nicht zögerlich ab, sondern sehr schnell. In einem stroboskopisch erleuchtenden Kreis beginnt eine nackte Figur die Schlag auf Schlag sich ändernden Kritzeleien nachzutanzen. Jetzt vergleicht man nicht mehr. Jetzt entsteht etwas Eigenes, jetzt wird es lebendig. Weitere Tänzer kommen in der Kreis, tanzen, wie verrückt. Beeindruckend. 

Dann ist plötzlich Schluss. Ende. Das Publikum ist begeistert. Applaus. Verbeugungen. Und ab. Wieder Verbeugungen. Und wieder ab. 

Mir erschließt sich die Begeisterung des Publikums leider nicht. Ich bewege die Hände wie beim Applaus, achte aber darauf, dass kein Ton entsteht.

Hirut, der Film

Sonntag. 11.00 Uhr morgens. Eigentlich keine Zeit, um ins Kino zu gehen. Die Kirche fing früher un-ge-fähr um diese Zeit an. Wie gesagt: früher. Warum also nicht jetzt ins Kino gehen.

Heute ist der Internationale Frauentag. Im Kino: Das Mädchen Hirut. Den Trailer hatte ich vorher gesehen. Die Geschichte eines Mädchens in einer Gesellschaft, in der für Mädchen und (junge) Frauen eigentlich kein Platz ist.  Außer in der Küche, im Stall oder in der Kirche. Irgendwie hatte ich Afghanistan im Kopf. Der Film spielt aber in Äthiopien, in Adis Abeba. „Nach einer wahren Begebenheit“ – was immer das auch heißen soll: wahre Begebenheit. Daher die Gesichter, die  nicht nach Afghanistan passen wollten. Äthiopien also: Haile Selassie, Reggaie, verhungernde Löwen, italienische Kolonie, Eritrea… . 

Der Film sah aus wie aus einem „sozialistischen“ Land: arme, aber ehrliche Leute, dann DER Zwischenfall, dann der Kampf mit dem Althergebrachten um die Durchsetzung neuer Werte, dann Rückschläge, aber schließlich: der Sieg von Freiheit und Gerechtigkeit. Mit anderen Worten: der Film war „vorhersehbar.“ Und das sollte ein (guter) Film nicht sein – unabhängig davon, was ein „guter“ Film ist. „Das Mädchen Hirut“ hatte trotz aller Vorhersehbarkeit berührende Momente:  warum sollte es einen auch kalt lassen, wenn Gutes, Richtiges und Schönes sich gegen „alten Scheiß“ durchsetzt.

Nur seltsam, am Internationalen Frauentag, dachte ich, dass der Film ausgerechnet nach dem Opfer benannt wird; dem jungen, vergewaltigten und in ihren Rechten missachteten Mädchen, und nicht nach der Anwältin, die sich während des gesamten Films, in einer Männerwelt, für die Rechte des Mädchens und die Befreiung der Frauen in Äthiopien einsetzt? Ist das nicht auch „etwas“ alter Scheiß?

Angenehm überrascht hat mich am Ende der Name der Produzentin: Angelina Jolie.

P.S. „Das Mädchen Hirut“ läuft diese Woche mit Unterstützung u.a. von Amnesty International und Terre des Femmes im Stuttgarter Kino Atelier am Bollwerk.

Hobbits Schaden

Versicherungsvertreter kann ich nicht ausstehen und auf Hobbits und Herren der Ringe kann ich leicht verzichten. Heute veröffentlicht die Website pfefferminzia aber eine nicht uninteressante Rechnung, in der beides vorkommt. Ein Versicherungskonzern hat sich eine originelle PR-Kampagne ausgedacht und schreibt unter der Überschrift “Versicherungsmarkt in Mittelerde kollabiert”, dass “die zahlreichen Schlachten in “Der Hobbit” Teil 3 stolze 333 Millionen Euro Schaden” verursachen würden, hätten sie denn tatsächlich stattgefunden: „Allein durch den Angriff des Drachen Smaug auf die Seestadt werden 1.200 Einfamilienhäuser, 250 Holzboote, ein Regierungssitz und ein Alarmturm zerstört. Laut Versicherer entspräche das einem Schaden von über 90 Millionen Euro. … Die zahlreichen Menschenleben, die die Schlachten kosten, würden zudem Personenschäden in Höhe von 235 Millionen Euro verursachen.“

Ziel

Orthografische Erbsenzählerei ist etwas, was mir, als (ehemaliger) Rechtschreibschwächling, eher unsympathisch ist. Im Rahmen meiner Arbeit im Bereich Medienbeobachtung gibt es aber immer wieder kleine Bonbons, die wenigstens unterhaltenden Charakter haben. So liegt grade ein Ausschnitt auf meinem Tisch, der im Wochenblatt Hallo Sonntag Northeim im münsterländischen Gronau erschienen ist. Der Text hat eine Gruppe Marathonläufer zum Mittelpunkt. Der Artikel ist etwa 250 Worte lang und wird mit einem Foto der 5 Läufer illustriert. Er  trägt die schöne Überschrift “Weg ist das Ziel”.

Gewalt im Namen Allahs – wie denken unsere Muslime?

eMail an die ARD zur Sendung von Günter Jauch in der ARD am 28.09. 2014

Das war der Untertitel der Sendung
„Massenmorde, Enthauptungen, Folter: Seit Monaten beherrschen die brutalen Bilder aus Syrien und Irak unsere Nachrichten. In den Reihen der IS-Terroristen kämpfen auch junge deutsche Muslime, die sich hierzulande radikalisiert haben. Die Sendung vom Sonntagabend.“

Peinliches Niveau – der Schlaf der Gerechten

In einer entzündlichen Situation braucht es nicht noch mehr vom ‚Brustton der Überzeugung‘. Sind wir im Vergessen der Kunst der Aufklärung?

Leider hat diese Talk-Runde – wie so oft – nur weiter angeheizt und verwirrt, als gäbe es davon nicht schon überreichlich. Die Chance zur Verständigung wurde, mangels moderativer (moderare) Idee vertan. Ging es wiedermal darum, die eigene Peergroup zu bestätigen? In den aufgeheizten Zeiten der Kriegstreiberei: Was unterscheidet den Salafisten von einem CDU-Abgeordneten?

Weder mußte der Prediger sich zum Grundgesetz bekennen, noch hat Bosbach, z.B. durch eine eingehende Frage, dem Prediger Respekt erwiesen. Was hätte der Prediger geantwortet auf die Frage: Wie geht es den jungen Muslime, die zu Ihnen kommen, in unserem Land? Was kann die Regierung tun, um die Sorgen der jungen Muslime zu lindern? (z.B. Anti-Diskriminierungs-Richtlinien bei Bewerbungen). Nichts davon habe ich vernommen.
Die muslimische Spiegelredakteurin darf unwidersprochen die notwendige und richtige Aktion vieler Muslime „not in our name“ diskreditieren, mit dem falschen Argument, daß in deutschen Städten niemand Schilder hochhalten müsse, um sich gegen die NSU auszusprechen. Sie negiert die Anti-Faschismus-Demos in zig deutschen Städten beim Aufmarsch von Faschisten. Und sie bestärkt damit das („islamophobie“) gepflegte Opfergefühl.

Regelbasis herstellen, Regelverhandlung und Regelbestätigung, Widerspruch bei Regelverstoß, das ist Moderationshandwerk. Und auch Politik sollte das als demokratischen Auftrag und ihr Handwerk ansehen.

Jauch bemerkt und fragt zu all dem nichts, sondern schwimmt als Moderator nichtssagend zwischen den eifernden Positionsmächten. Natürlich ist die Beschwerde über die „repräsentative Umfrage“ zum Islam berechtigt. Es ist doch genau das Benzin ins Feuer, wenn man Islam gleichsetzt mit Fundamentalismus. Wo sollen diese Unschärfen nur hinführen?

Jeder Corpus-Dei-Mann oder Zeuge Jehova hätte auf dieser fälschlich gebotenen Bühne, Kreide fressend aber im Predigerton, aus seinen Schriften zitiert – und doch den Wolf nicht verbergen können.
Jeder, der heute nur aus Lehrbüchern zitiert oder auf Buchstaben beharrt, ob Grundgesetz, Bibel, Talmud oder Koran, kommt doch seltsam -scheingebildet – und selbstgerecht rüber. Der Prediger hat brav Vorurteile bedient. Die jungen Muslime kennen ihn aber nicht anders. Jauch hilft, das alle sich bestätigen, was sie sowieso schon voneinander halten. Das ist so unnötig wie das Gerede von Angela Merkel, daß es uns nie besser ging.
In dem man Ebenen vermischt, wird medial millionenfach die Verwirrung vermehrt. Fassen Sie so Ihre journalistische Verantwortung, Ihre Profession auf?

Jauch entmischt – offenbar schlecht vorbereitet- , als Moderator nichts, nein er jammert hilflos dem Beifall hinterher, den dieser Prediger natürlich von den Seinen erhält. Bosbach holt sich ebenso billigen Beifall, mit dem so richtigen, wie viel zu allgemeinen Pochen auf das Grundgesetz. Denn das beantwortet die gegenseitige Diskriminierungsdynamik nicht. Merkt das ein Bosbach, merkt Jauch so etwas nicht? Nein, sie stecken in ihren jeweils Ideologien, sie sind sattelfest. – Aufklärung geht anders.
Der eifernde Prediger mußte keine Stellung beziehen zwischen der Geltung des Grundgesetz und der Scharia. Was ist heute seine Haltung zur Stellung der Frau? Da war keine Nachfrage. Lauter verpasste Chancen. Wie unsere Muslime denken, wie es ihnen geht, erfährt man durch erregtes und mißtrauische einander Angeifern nicht, das verstärkt nur die Distanz, es zeigt die von jahrelanger Krisenpolitik gezeichnete geistige Leere und Ohnmacht.

Die jungen Menschen, die keine Chance haben, im Ausland zu studieren oder innerhalb als allgemein anerkannte Mitbürger eine Teilhabe zu realisieren, die finden dann eben Teilhabechancen in abgewandten Peergroups. Ist denn unser Rassismus nicht der Rede wert? Ist uns Teilhabe und Anerkennung nichts mehr wert, geht es hauptsächlich um Anpassung oder Selbstbehauptung (survival of the fittest)? Dann sollten wir uns nicht wundern, welche Auswirkungen das hat.

Statt uns (selbst) darin zu hinterfragen, macht Bosbach in CSU-Manier den Hardliner.
Ja werden wir jetzt alle zu Mir-san-mir-Bayern und AfD-lern? Wo soll uns das erstrebenswertes hinführen?
Der Panorama-Journalist bringt die spalterisch-gefährliche Dynamik, die herrscht, auf den Punkt, als er ausspricht, daß die beiden gegensätzlichen Positionen einander (miß-) brauchen für ihr jeweiliges Feuerlein, an dem sie sich wärmen.

Historisch gesehen, war es immer der ‚Schlaf der Gerechten‘, der uns – stets im Brustton der Überzeugung – in nicht mehr zu steuernde metastasierende Katastrophen hat schliddern lassen, durch den Verlust an ausgleichendem Einsatz aufgeklärter Menschen-Bildung, die über Wissenshaufen hinausgeht.
Nicht enttäuscht – aber im Regelwiderspruch im Rahmen einer Aufklärungstradition grüßt
Kai Hansen

Ohne ein gelebtes Ideal der Mitte, sinkt Europa in ein Chaos

Das Verhältnis zwischen der EU, den USA und Russland ist derzeit dramatisch schlecht. Der im Vergleich größten Gefahr ist dabei Europa ausgesetzt, nicht die fernen USA und nicht das große Russland. Es rächt sich das Werte- und Verfassungsvakuum im einseitig wirtschaftsorientierten Europa. Und der Beitrag des ökonomischem Kalküls an den Kriegsschauplätzen ist groß.  Der deutsche Pokal der „Exportweltmeisterschaft“ glänzt, ist politisch aber aus Blech. Was hilft es, wenn in Europa niemand mehr mitspielen kann? Wozu hilft es, wenn im Nahen Osten Extremisten marodieren?

Was die Einschätzung der Lage angeht, herrscht eine babylonische mediale und politische Verwirrung und jede Menge Eskalationsrhetorik. Wir sind ‚Krise‘ ja gewohnt. Das wird nicht zuletzt gesteigert, wenn bei einem NATO-Treffen in Wales 2014 schweres Kriegsgerät vor dem Tagungshotel aufgefahren wird und der politische NATO-Oberst Rasmussen seine Stunde als Kriegstreiber gekommen sieht. Wie lächerlich einerseits, wie dünkelhaft andererseits.

Selbst der Bundespräsident Gauck macht bellizistische Außenpolitik, wenn er in Richtung Russland (Rede in Polen) öffentlich verspricht: „Wir werden Politik, Wirtschaft und Verteidigungsbereitschaft den neuen Umständen anpassen.“ Dem Mann fehlt die Erfahrung der Entspannungspolitik seit den 70er-Jahren in Deutschland. Er hat es einfach nicht drauf. Große Politik war immer Friedenspolitik. Dass es widersprüchlich ist, statt mehr Flüchtlinge aufzunehmen, mehr Waffen in Stellung zu bringen, das sollte auch einem Pfarrer zugänglich sein, einem Präsidenten allemal.

Heute scheint es, besonders innerhalb der bundesrepublikanischen Politik und den Leitmedien an geschichtlicher Bildung – und einem Verständnis für Verfassungs-Ideale und europäische Basisstrategien zu fehlen. Persönlichkeiten wie De Gaulle-Adenauer scheinen weit weg gerückt. Ideale sind Ideologien gewichen. Zumindest fehlt die Zukunftsperspektive bei der alternativelosen Berliner Führungsriege, denen gegenüber sich resignierte Apathie oder anpässlerischer Einheitsbrei verbreitet. Die Krise als Normalzustand und Politikersatz, damit zeigt die „marktkonforme Demokratie“ ihr unverträgliches Wesen, im Wortsinn.

Machtkalkül, Lügen, Landnahmen, Diebstahl, Erpressung, Korruption, – das alles sind keine Eigenschaften, die nur ein Putin anwendet. Er macht das lediglich unverschämt offen, was man „im Westen“ lieber schönfärberisch als ‚Kampf für Freiheit‘ bezeichnet oder gar als ’neue Weltordnung‘. Dabei geht man gerne auch an die Grenzen und darüberhinaus, mit Waffengewalt. Der Anspruch moralischer Überheblichkeit hat dabei viel mit Machtstreben zu tun, weniger mit einem von Fairness getragenen „.. Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“. (Albert Schweitzer)

In bezug auf die EU-Ukraine-Russland-Krise scheint es mir schlimm, wenn in den Diskussionen hierzulande eine schwarz-weiß Rhetorik Platz greift. Auf der einen Seite die Ecke der Faschisten in Kiew, auf der anderen das schlimme Wort gegen die „Putin-Versteher“. Das erinnert – wie weiland auch die Bezeichnung „Wutbürger“, – an Hass-Propaganda mit der Goebbels Juden und Kommunisten stigmatisierte. Solcherlei ist allzu billig und dient der Abtötung von Diskurs. Ist die Besonnenheit der Nachkriegszeit ebenfalls mit der Mauer gefallen? Ist das Einzige, was wir noch können die Märktelogik?

Ich möchte an alle politischen Lager-Bewohner appellieren, sich an den Begriff der europäischen, um Ausgleich bemühten Mitte-Politik zu erinnern, trotz der fraglosen Anerkennung der Westbindung.  Das würde den derzeit herrschenden, stark polarisierenden Ton doch wesentlich ändern.

Es scheint doch eine unabhängige Ruhe, die sich aus strategisch-politischer und europäischer Werte- und Verfassungs-Sicherheit speist, zu fehlen. Mindestens aber fällt derzeit auf, daß der Grad an Reflektion und Selbsterkenntnis „im Westen“ weit weniger ausgeprägt ist, als das Zeigen mit dem Finger auf „Gegner“ nach dem Motto: „Haltet den Dieb, dort läuft er“.
Man steht selbst auf der Seite der Guten und erhebt sich über den Rest. Das Chaos der Meldungen erinnert zumindest auch auf unserer Seite an Zeiten, denen dann ein Krieg folgte.

Kein noch so zwingend geboten erscheinendes Wohlstands- oder Marktzugangs-Argument rechtfertigt Kriegstreiberei oder die Aufhebung staatlicher Rechtssicherheit. Ebenfalls rechtfertigt kein Wachstumsversprechen (für was und wen?) eine Vasallen-Position gegenüber aggressiver Investoren-Politik.

Europa muß eine friedenswahrende Mitte bilden oder es wird nicht bestehen können. Das ist unser Erbe, nichts anders. Frieden ist schön, aber er macht Arbeit. (frei nach Karl Valentin)

Wenn wir in Europa aus wirtschaftlichem Expansionsdrang heraus unsere um Partnerschaftlichkeit und Ausgleich ringende europäische Mittelstellung aufgeben, wenn wir also, zuvorderst in Deutschland neuerdings aufhören, für soziale Fairness,  Solidarität und schutzgewährende Rechtsstaatlichkeit zu kämpfen, dann wird der europäische Freiheitsgedanke ad absurdum geführt. Dann helfen uns auch Drohungen und Waffenlieferungen nicht mehr, dann wird auch Europa als Aggressor wahrgenommen und zunehmend Gegenstand von aggressiver Ablehnung.

Als Folge der westlichen Überlegenheits-Hybris werden sich schließlich an kein staatliches Recht gebundene radikale Kräfte freisetzen, die dann als „wahre“ Moral- und Ordnungshüter auftreten – und zwar gewaltig. Was man selbst am stärksten verwünscht und abspaltet, tritt ein.

Europa darf sich nicht einseitig an das aggressive ökonomische Wachstumsdogma binden, – und das auch noch in den kulturellen Mantel von „Freiheit“ kleiden wollen.

Europa definiert Freiheit als die Wahrung der Freiheit der Anderen.  

Und das geht weder durch Ideale-freies Laissez faire, noch durch ideologische Engführung im Rahmen eines aggressiven Finanzkapitalismus, der alle Rechtsnormen, die staatliche Grundversorgung sicherstellen wollen, schein-legal und schein-legitim ad absurdum führt.

Eine Erzählung über Menschen

„Es war einmal eine Grundversorgung innerhalb eines Gemeinwesens. Die Menschen dieses Landes arbeiteten fleißig und zahlten Steuern. Der Staat sorgte von diesen Einnahmen dafür, daß die Menschen gut versorgt wurden und bequem Zugang finden konnten zu allem, was sie brauchten, um in guter Qualität gesund leben zu können.

Gesundheit, Nahverkehr, Wasser, Wohnraum, Energie, … alles wurde zum Wohl der Bürger bestellt. Ihre Arbeitskraft setzten die Menschen ein zur Mehrung und Wahrung ihrer gemeinsamen Werte, ihrer Würde, ihres Rechtssystems, ihrer schöpferischen Fähigkeiten.

Unter Bildung verstanden die Menschen das, was sie zu Menschen werden ließ, was sie befähigte, anzuschließen an die Errungenschaften alter Zeiten, um mit den notwendigen Neuerungen und nicht enden wollenden Erfindungen immer besser auf das Leben und Leben lassen alles Lebendigen zu achten. Vor allem die Kinder wurde in diesem Sinne in weiser Liebe und mit junger Lebensfreude erzogen.

Ihre Unterschiede wurden, wenn Klärung notwendig wurde, im Rahmen eines starken und lebendigen Rechts unter Begleitung erfahrener älterer Menschen zum Ausgleich gebracht. Eines der Vorbilder sagte einmal: „Bei uns herrschen lauter individuelle Könige und Königinnen. Sie führen sich zuallererst einmal selbst. “

Das Land war durch leidvolle Erfahrungen in der Vergangenheit dazu gekommen, daß es das Beste war, in Frieden zusammenzuleben, mit Respekt vor den privaten Lebensunterschieden. Man hatte gelernt, daß es keinen Sinn macht, für einen kurzfristigen eignen Nutzen Andere in Not zu bringen. … Es gäbe noch viel von diesen Menschen zu erzählen und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie schon heute.“

Deutschland hat weltweit die zweitälteste Bevölkerung

Auf der vergangenen Documenta in Kassel fragten die freundlichen Taiwanesen: „Wir sehen fast nur alte Leute hier, warum ist das so? Interessieren sich die Jungen in Deutschland nicht dafür?“

Artikel zu: Statistisches Jahrbuch 2012

Der Handlungsbedarf besteht schon lange. Aber die ideologisch geprägte Debatte vernebelt die soziale Schieflage.

Fakt ist: Unserem land geht es gut, – was das Brutto-Inlands-Produkt BIP angeht. Die Umverteilung hat dazu geführt, daß das verfügbare Geld in der unteren hälfte, die in der regel mehr Kinder hat, erheblich weniger geworden ist. Ebenfalls bedeutet es ein gesteigertes Armutsrisiko, jedenfalls aber hohe finanzielle Belastung, wenn man als Familie das leben bestreitet.

Fazit: Bessere Bildung, Grundeinkommen ab Geburt, Familien finanziell entlasten (Nahverkehr, Eintrittspreise, Mieten, Energie), Kindererziehung bis in die Rente aufwerten und auch bezahlen.

Traumhafter Nahverkehr

Jetzt wird über City-Mauts diskutiert. In den Großstädten des deutschen Autolandes wird Zeit in Staus vernichtet, es herrscht schlechte Luft und infernalischer Verkehrslärm.

Am Beispiel London ist zu erkennen, daß eine City-Maut nichts ändert am Verkehr und keine Straßensituation verbessert, aber Begehrlichkeiten von Steuereintreibern befriedigt. Derzeit zahlt der Bund noch jährlich 1,3 Milliarden für den Nahverkehr. Das soll bis 2014 auf Null reduziert und ganz den Ländern und Kommunen überlassen werden. Wir brauchen also klare Konzepte, die zukunftsfähig sind. Um Änderungen kommen wir nicht herum. Schlechter, als es heute ist, – mit Ausnahmen, z.B. zwischen Karlsruhe und Mannheim -, kann und darf es nicht werden.

Traumhaft, ideal und der Rede wert ist ein Nahverkehr, der entschieden verbilligt wird, also wesentlich billiger als die Verwendung von vierrädrigen Dreckschleudern ist. Bestenfalls sogar kostenlos, zumindest für Teile der Bevölkerung. Und der außerdem so getaktet wird, daß man mit unschlagbar kurzen Wartezeiten schnell ans Ziel kommt. Wenn das wirksam eingerichtet wird in allen deutschen Großstadtregionen, also rund um Hamburg, München, Frankfurt, Stuttgart, Köln usw. Dann wäre das infrastrukturell so wertvoll, wie die Überwindung der Pferdekutschen.

Wenn dieser volkswirtschaftlich und ökologisch sinnvolle und derzeit leider noch „traumhafte“ Zustand erreicht werden kann durch eine Verbrauchs-Steuer für Autonutzung in Städten – und es eine gesetzliche Sicherung für die genannte infrastrukturelle Mittelverwendung gibt, dann kann eine City-Maut sinnvoll sein, anders nicht.