Nein, vor dem Virus sind nicht alle gleich!

Nein, selbst vor einem solchen Phänomen, dass „alle Welt“ erfasst, sind nicht alle gleich. Es ist eine Leidenszeit. Manche machen eine wirklich sehr harte Zeit durch. Andere nicht.

In aller Munde, in allen Köpfen, die täglichen Nachrichten, die scheinpräzisen Zahlen, die Experten, die auch nichts Genaues wissen. Scheiternde Suche nach sicherer Orientierung. Die Irritaion über Nachbarn oder Freunde, über andere Länder, deren Unvermögen oder Unverständnis, deren Befremden, dem doch mein Befremden in nichts nachsteht. Allein schon die Besetzung der Köpfe, Gespräche, Tage, Orte weisen darauf hin, dass sich hier etwas Besonderes tut. Nur was?
Nur zwei Dinge sind sicher: Es hat mit uns Menschen zu tun. Jedoch unvergleichlich und individuell. Zweitens: Dem kann man nur solidarisch begegnen.

Vergleich mit Bekanntem taugen nichts. Jeden und jedes triftt es anders.
Manche gar nicht, andere indirekt, manche mit voller Wucht. Selbst die Aussage: „Nichts wird mehr so sein, wie vorher“ – oder „alles muss sich ändern“ erscheint, bei genauerem Hinspüren, als ein Versuch, das Loslassen der Bilder, und dessen, was bisher Sicherheit vorgab, zu vermeiden.

Das keinen Widerspruch duldende Pathos links wie rechts, das Ausrufen des Kriegszustandes, die Hoffnung  auf die Söders, die Trumps, die Charité, das RKI, mindestens aber das Starke und Gute in der Welt für das jede:r seine eigene Glaubensformeln bereit hält. Und jede:r hält fest am Sicher-Geglaubten, sucht das als ‚Eigentum‘ beanspruchte hinüberzuretten in ein hoffentlich bald einkehrendes „Es-ist-besiegt“.

Es ist schwer, Haltbares zu sagen, so unendlich viel Ungekanntes geschieht. Gewohnte Urteilsmuster, Weltbilder, Gewissheiten finde keinen Halt. Denn es zeigt sich: Alles ist mit allem verbunden. Nichts kann  für sich allein existieren.

Nicht lange her, da hielten ganz Gescheihte, selbstbewußte Leistungsträger, Widerständler ein Innehalten für Schwäche. Sich Nicht-Wisseneinzugestehen oder Ohnmacht und Kontroll-Verlust – nie und nimmer. Vieviel Anpassung und innere Passivität war (und ist) darin doch enthalten.

Und jetzt bleibt nur dies: wach und anerkennend in die Umgebung schauen – und nach innen. Aktiv werden. Die Angst in ihren Varianten wahrnehmen, ohne sich ihr zu ergeben. Vielleicht sogar bis dahin kommen, zu empfinden, dass es etwas Reinigendes haben kann, in einem Ohnmachtsgefühl oder einem Nullpunkt eine Ermöglichung, ein Geschenk zu sehen – aus der eine empfindsame, neue Art von Resonanz mit sich selbst und der Welt entsteht. Was sich zuvor noch in nach Nutzenaspekten ausgewählter Selbstbehauptung genügt hat, findet plötzlich in einer anerkennenden Ermöglichung von etwas, was sich nicht im Eigennutz erschöpft viel tiefere Befriedigung. Leben, indem man leben läßt. Ein erneuerter Fortschrittsbegriff ist denkbar: Nicht, auf das, was Hervorstechendes von jemandem ausstrahlt würde mehr zählen, sondern für was jemand empfänglich und in der Lage ist, in sich zum Leben zu erwecken. So wie wir das von guten Musikern kennen, die eine Komposition zum Erblühen bringen können.

Vielleicht wachsen daraus wirklich neue, andere Fragen, die neue und andere Antworten ermöglichen. – Und einige der bisherigen Antworten sind sicher auch zukünftig nicht falsch.

Das miteinander Erörtern, wie es neuerdings endlich mehrere Experten auch tun, das Zusammentragen und Abwägen, das Schaffen und respektieren von Lebens- und Freiräumen, – vielleicht wird das mehr Anerkennung finden. Die Intelligenz, die es zu empfinden  gilt, wäre demgemäß die der Sache selbst, mit der man sich befasst. “Zu den Sachen“ ist also das zu erfüllende Motto.

Bild: Paul Klee, 1924. Engel