Sich anders verbinden vs. sich besser abschotten – Was lehrt das Virus?

Disclaimer: Ich wende ich mich im folgenden Text nicht gegen das Prinzip von „Social Distancing“ – kommentiere allerdings kritisch die Auswirkungen des  Kontrollansatzes in der Umsetzung (Schulddrohung, Bestrafung) und fokussiere auf die Zeit „Danach“.
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Die Reaktionen auf das allgegenwärtige Angst und Schrecken verbreitende Virus wird in täglicher Dauerberieselung als ein „nie dagewesenes“ Phänomen beschrieben. Pest und Spanische Grippe widerlegen hier die Einmaligkeit eindrücklich.

Allerdings haben die Reaktionen einen solchen Charakter. Ein fast weltweit staatlich verordneter „Lock-down“ des gesamten Alltagslebens ist tatsächlich  neu und wirft Fragen auf, vor allem für das Danach. Man spricht von einem „Krieg gegen das Virus“ und aktiviert Verbote, Strafen, enorme Finanzmittel, die zuvor als nicht verfügbar bezeichnet wurden. Dabei hätte man ein Gesundheitssystem vorhalten können, damit mit solchen, längst schon erwarteten, Pandemien umgegangen werden kann. Auch ohne derart massive Eingriffe in das öffentliche Leben. Plötzlich und unerwartet, sind Dinge möglich, die zuvor für unmöglich erklärt worden sind: Nicht bei uns, – niemals.

So erscheint z.B. der Einsatz dieser riesigen Finanzmittel, langfristig gesehen,  nicht eben hilfreich für ein Wiedererstarken durch ökonomische Handlungsfreiheit im Nachhinein. Das wäre durch eine uneingeschränkte Grundsicherung aller deutlich anders. Eine Aufrechterhaltung von Handlungs-fähigkeit aller ist einer Existenzgefährdung, bzw. Schuldenanhäufung deutlich vorzuziehen.

Nicht das Virus erstaunt hier also, sondern die ideologische, als alternativlos dargestellte Engführung der Aktionen. Medizinische Notwendigkeiten werden hier nicht angezweifelt.

In der Süddeutschen Zeitung (Nr. 74, S.5) war kürzlich zu lesen, dass es 1960 in Deutschland (West) noch 3600 Krankenhäuser gab, heute sind in gesamt Deutschland weniger als die Hälfte davon übrig. Allerdings sind viele davon börsennotiert. In Italien und Spanien war der Abbau noch drastischer. Mit heftigen Folgen. Man rechnet heutzutage vor, dass die Auslastung von Kliniken bei 95% liegen muss, damit eine Klinik rentabel wirtschaftet. Das also zählt. Dasselbe spiegelt sich in den Pflegeheimen für ältere Menschen. Die privaten Täger haben hier seit 2005 um 37% zugenommen. Die Personalschlüssel und verfügbares Gerät sind entsprechend knapp berechnet. Und natürlich hat sich eingebürgert, bei zwei gestressten Arbeitnehmern im Haushalt, dass sowohl Kinder (Kitas u.Schulen) als auch Alte (Pflegeheime) bestens organisiert irgendwo anders untergebracht werden müssen. Wehe hier kommt es, wie gerade, zu Störungen. – So tickt unsere Gesellschaft.

Es erscheint nicht verwunderlich, dass eine Überlastung aller oben genannten Einrichtungen droht. Man begründet damit – wie alle wissen – die derzeit massiven Maßnahmen im öffentlichen Leben, mit erheblichen Auswirkungen auf alle möglichen Lebensverhältnisse und unser aller Miteinander. Alles ist knappest bemessen. Freiraum? Dazu sagt geltende Ideologie: Zu teuer.

Es ist erstaunlich, auf welcher Datenbasis die „Unvermeidbarkeit“ der staatlichen Verbote derzeit Akzeptanz in der – durch die Medien und einige wenige Experten dauerbeschallten – Öffentlichkeit findet. Bis vor Kurzem war das Gezänk über innerstädtische Fahrverbote oder Geschwindigkeits-einschränkungen noch der – mit Politik verwechselte – Aufreger schlechthin. Denkt unsere westliche Gesellschaft,  wir alle, überhaupt noch politisch, also in Dimensionen einer sinnvolen Zukunftssicherung?

Was aktuell die Todesfälle angeht, wird inzwischen immerhin ein Unterschied eingeräumt: Jemand ist gestorben durch das Virus oder mit dem Virus. Die täglichen Zahlenerhebungen, Grundlage der Entscheidungen, stehen auf dünnem Eis. Die Folgen und Auswirkungen muß man dagegen als dickes Brett bezeichnen.

Abstand halten, Hände waschen, umsichtig sein mit Anstand, das ist selbstverständlich, wie immer, wenn etwas umgeht. Die allermeisten haben das inzwischen kapiert. Risikogruppen mit den richtigen Tests testen und auch schützen ebenfalls. – Das wird hier NICHT in Zweifel gezogen, das ist aber nicht alles. Medizinisch wird zunehmend differneziert die Lage eingesschätzt.

Um jedoch nicht in passiv-ängstlicher oder autoritätsgläubiger Ergebenheit zu erstarren und wenigstens im Abwägen aktiv und nachdenklich zu bleiben, seien hier ein paar Alltagsgeschichten wiedergegeben.

1. In einer dichtbesiedelten Großstadt setzt sich an einem grauen Tag mit Nieselregen eine Mutter mit ihrem Baby mitten auf einer sonst leeren große Wiese nieder, um ihr Baby zu stillen. Sofort kommen drei Polizeibeamte und weisen die Mutter an, aufzustehen und weiterzugehen. Niedersetzen ist verboten.

2. Trotz Verbots will eine erwachsene Tochter ihre Mutter, die an Diabetis leidet, in einem anderen Bundesland besuchen. Der Vater hat deshalb schon vor Tagen ein Wohnmobil gemietet, hat es drei Tage lang mit Desinfektionsmittel innen und außen bearbeitet, läßt dann seine Tochter ohne vorherige Begrüßung, – er saß dabei vorne im Führerhaus, durch eine zuvor geöffnete Tür hinten einsteigen. Kontaktfrei konnte die Fahrt zu beginnen.

3. Es hat sich eine Gruppe, die eine der modernen gesundheitsfördernden Bewegungsarten pflegt, jetzt online organisiert. Man übt über Jitsi-Meet online und erfreut sich somit daran, dass man nicht auf alles verzichten muss, was das Leben angenehm macht. Am Ende wird noch ein wenig getratscht über die derzeitige Situation. Man bestätigt sich der Richtigkeit der als „ethisches Verhalten“ bezeichneten Einschränkungen. Dann kommt der 8-jährige Sohn einer Teilnehmerin an den Bildschirm und verkündet begeistert und freudig, dass er im Park zufällig einen Klassenkameraden getroffen hätte. Und die beiden hätten sich auf den Folgetag verabredet, sich wiederzusehen. Ein eisiges, erschrecktes Schweigen der ca. zehn Gesundheitsbewegten folgt. Ebenso danach ein Anruf der Kursleiterin bei der Mutter, bei der nahezu einstündig und monologisch die ethische Verantwortlichkeit der Mutter des Kindes eingeklagt wird. Dies alles natürlich in wohlmeinender Sorge. Die Mutter erzählt später, sie schäme sich dafür, ihrem Kind nachfolgend gesagt zu haben, man dürfe in diesen Tagen nicht mehr alles einfach sagen, was man macht oder findet.

4. Eine Ärztin einer allgemeinmedizinischen Praxis, die sich schon seit Jahren mit Infektionskrankheiten beschäftigt, hat bei der letzen Influenzawelle (2017/18) alle ihre Patienten (mit oder ohne Symptome) auf das Virus getestet, alle hatten es. Aber bei weitem nicht bei allen war Influenza merklich ausgebrochen. Diese Ärztin nimmt an, dass die derzeitige Kontakt-Beschränkung dazu führen könnte, dass die Immunsysteme der Menschen stark geschwächt werden und bei der Aufhebung, wenn also unterschiedliche Menschen sich wieder treffen, mit einer stark erhöhten Krankheitsrate zu rechnen ist, einfach weil die normale allmähliche Stärkung der Abwehrkräfte so lange durch die Kontaktsperre abgeschaltet worden ist.

5. Heute auf dem Markt beim Einkauf nur des Nötigsten natürlich, traf ich – in gebührlichem Abstand – einen befreundeten Kreistagsabgeordneten. Nur kurz rief er mir zu: Es ist furchtbar, alle Gremien sind geschlossen, Entscheidungen fallen trotzdem, alle von oben herab, per Ordre di Mufti. Es sei furchtbar.

Schlussfolgerungen:
Risikogruppen verdienen Schutz, so wie die Versorgung Schwerkranker sichergestellt werden muß – mit den nötigen Reserven. Aber nicht nur jetzt, sondern immer. Die Maßnahmen jetzt dienen vorwiegend der Verhinderung, weniger der Ermöglichung. Die gesellschaftlichen Auswirkungen des Lock-downs, der Strafandrohungen usw. sind gefährlich. Verhältnismäßigkeit muß diskutiert werden. Daraus müssen Lehren gezogen werden!
Es geht nicht um falsch oder richtig; Schwarz oder Weiß; Glauben oder Wissen. In China hat man zentral ein Verbot durch äußere Kräfte (die Kommunistische Partei) angewendet. Hier ‚im Westen‘ kann man ein scheinbar milderes Vorgehen beobachten, dass aber in der Konsequenz zu einer öffentlich bewachten (inneren) Selbstzensur führt, die als vernünftig erachtet wird. Ob das in der Konsequenz besser ist, bezweifle ich.

Gesellschaftlich: Die Grundlage unserer Demokratie ist die Begegnung von Unterschieden, der abwägende Austausch, die maßvolle Berücksichtigung, mit Respekt und Akzeptanz unterschiedlicher Perspektiven. Aus dem dadurch entstehenden Konsens ergibt sich das Verbindende, in dem Eins das Andere mitträgt. Wo bleibt das  in Zeiten wenn Social Distancing bis hin zum Handy-tracking gesetzlich anordenbar wird? Wie wirkt sich das autoritäre, scheinbar alternativlose Gießkannenprinzip aus, dass auf Mißtrauen aufbaut?

Man müßte sich im Unterschied dazu, – das wäre dann ein neues Fortschrittsverständnis -, empfänglich machen für Unterschiede, Einflüsse – aufbauend auf Anerkennung von Sachverhalten, Respekt und Vertrauen.
Das würde geistig, kulturell und medizinisch, das Immunsystem stärken.

Lebensräume, Lebensbedingungen von Lebewesen, Zugänge zu Existenzgrundlagen sind (wieder) zu respektieren. Hier kommt es auf ein anderes, erneuertes Verständnis von Angemessenheit (gesundes Maß) an, in allen Lebensbereichen. Das erscheint mir derzeit, ausgeblendet – und „pathogen“. Es macht uns offensichtlich zunehmend anfällig.

Es geht darum eine Wende in den Grundhaltungen zu denken, zu diskutieren, einzuleiten.