Ein Junge aus Mali

Junge aus mali
Eine Gerichtsmedizinerin im Süden Italiens. Sie versucht die Identität der Immigranten herauszubekommen, die zwischen Sizilien und dem italienischen Festland ertrinken: die Toten sollen wenigsten mit ihrem Namen beerdigt werden können.

Das ist eine Arbeit, die an sich schon großen Respekt verdient. Einer der von ihr bearbeiteten Fälle hat vor einiger Zeit aber besonderes öffentliches Interesse erfahren. Wegen eines Unglücks, das sich im April 2015 ereignete. Dabei starben mehr als 1.000 Personen. 528 wurden anschließend vom Team der Gerichtsmedizinerin untersucht.
Einer der Funde: der Körper eines Kindes. Bekleidet mit einer Jacke, einer Weste, Hemd und Jeans.
Bei der Untersuchung bemerken die Ärzte etwas Schweres und Hartes, das sehr ordentlich und sicher in die Jacke eingenäht ist. Ein kleines Päckchen gefalteter Papiere. Kein Geld, keine Briefe, kein Ausweis, sondern Zeugnisse. Das Päckchen gefalteter Papiere waren Schulzeugnisse. Durchweg mit guten Noten. Zum Beispiel in Mathematik. Schulzeugnisse. Liebevoll, bedacht und fest eingenäht in das Innenfutter der Jacke.
Man kann nicht mehr rekonstruieren, was der Junge bei sich hatte, als er sein Elternhaus verließ. Etwas war aber ganz besonders wichtig. Diese Schulzeugnisse. Sie sollten auf keinen Fall auf der langen und gefährlichen Reise zum 3.000 km entfernten Land seiner Träume verloren gehen. Die Schulzeugnisse boten Sicherheit. Vielleicht seine Mutter, vielleicht sein Vater, vielleicht er selbst. Jemand war überzeugt, dass das, was er in der Schule gelernt hatte, sehr, sehr wichtig für sein Leben im „gelobten Land“ ist.
Vielleicht auch weiter das zu machen, was er zuhause nicht weiter machen konnte. Zur Schule gehen, vielleicht studieren. Dass er ein guter, aufmerksamer Junge ist, das sollten die Zeugnisse beweisen.
Diese Zeugnisse waren mehr Wert, als irgendwelche Ausweise. Es sind diese Zeugnisse, die ihm bewiesen und anderen zeigen sollten, wer er war und was er konnte.
Das war die Idee.
Aber übrig blieb nur ein kleiner toter Körper, lose eingeschlagen in eine Jacke, in der ganz fest, bedacht und liebevoll ein Traum mit eingenäht war, umhüllt schließlich nur von einem Bündel nassen Papiers.

Migazin

Elapaissemanal

 

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