Von Natur aus so natürlich?

Biolandbau ist eine gute Sache. Die Ziele dieser Form landwirtschaftlichen Wirkens sind vernünftig. Boden, Luft, Wasser und andere Ressourcen werden nicht als unendlich betrachtet. Man geht schonend mit ihnen um. Das ist gut.

Aber wie verhält es sich mit dem Begriff der Natürlichkeit als einem Grundprinzip des Biolandbaus?

Hier wird es schwierig, denn Landwirtschaft, verstanden als eine Aktivität, die geschichtlich dem Stadium des Jagens und Sammelns folgt, kann nicht natürlich sein. Säen, wässern, schützen, ernten, züchten sind “unnatürliche” Kultur-Tätigkeiten, die Lebensräume, Boden, Gene und Klima verändern. Um diesen Grundwiderspruch aufzulösen hat sich der Biolandbau vorgenommen Landwirtschaft im Einklang mit und lernend von der Natur zu betreiben. Die ökologische Landwirtschaft, eine Bezeichnung, die hier als Synonym verstanden werden soll, will Methoden und Mittel einsetzen, die auch von der Natur selbst angewendet werden. Vom Menschen hergestellte, künstliche Substanzen sind für diese Form der Nahrungsmittelerzeugung tabu.

Nehmen wir einmal an, einem Schwein würde im Rahmen seiner Ernährung ein Zuckermolekül zugeführt. Obwohl es objektiv und wissenschaftlich keinen Unterschied zwischen einem Zuckermolekül gibt, das von einer Pflanze, einer Raffinerie oder einem chemischen Labor hergestellt wurde, würde man in der ökologischen Landwirtschaft als Nahrung für das Schwein nur den pflanzlich hergestellten Zucker akzeptieren.

Was ist aber mit Fremdstoffen, d.h. mit Substanzen, die ein Lebewesen weder selbst herstellt, noch gewöhnt ist aufzunehmen? Handelt es sich bei entsprechenden Zusatzstoffen, die z.B. im Pflanzenschutz Verwendung finden, immer um Chemikalien un-natürlichen also künstlichen Ursprungs?

Bis “gestern” hätte ich gesagt, ja, denn, so nahm ich an, im Biolandbau wird nicht gespritzt.

Das ist aber falsch. Es gibt eine Reihe “natürlicher” Pflanzenschutzmittel, von denen ich beispielhaft hier nur vier erwähnen will: Rotenon, Neem, Pyrethrum und Kupfersalze.

– [ ] Rotenon wird (natürlich) aus den Wurzeln eines in Borneo heimischen Schmetterlingsblütlers hergestellt. Rotenon ist ein Kontakt- und Fraßgift, das mittlerweile in der EU verboten ist. Es verursacht Parkinson.

– [ ] Neem. Ein besonders wichtiger Inhaltsstoff des Niembaums ist das als insektizid wirkende Azadirachtin. Er wird aus dem Niemöl gewonnen, welches man aus den Samen presst. Neeminhaltsstoffe haben Einfluß auf die Insektenmetamorphose und erzeugen Häutungsstörungen und verursachen die Verkrüppelung der Flügel von Schadinsekten.

– [ ] Pyrethrum. Pyrethrum wird aus den getrockneten Blüten von Tanacetum-Arten gewonnen. Pyrethrum wirkt als Kontaktgift, das für Insekten neurotoxisch ist. Es ist als Pflanzenschutzmittel in Deutschland, Österreich und der Schweiz nicht zugelassen.

– [ ] Kupfersalze. Salze des Schwermetalls Kupfer können bei Anwendern Leberkrebs verursachen.

Diese Aufzählung, die weder Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, noch den, ganz typische Chemikalien zu behandeln, zeigt, dass dem Biolandbau Pflanzenschutzmittel oder Pestizide nicht unbekannt sind. Ihre Legitimation erhalten diese Stoffe hier durch ihren “natürlichen” Ursprung. Für die Bekämpfung von Schadinsekten kämen dann aber auch Dioxine und Asbest infrage, denn auch sie sind Substanzen “natürlichen” Ursprungs: Dioxin ist eine Substanz, die bei Wald- und Buschbränden und Vulkanausbrüchen entsteht, Asbest ist die Sammelbezeichnung für in der Natur vorkommende Mineralien.

Wenn man jetzt noch anfügt, dass die krebsterregendsten Stoffe in unserer Nahrung – Schimmelpilze und Alkohol – auch “natürlich” sind, sollte verständlich geworden sein, dass die Akzeptanz z.B. von einem in der Landwirtschaft verwendeten Zusatzstoff nicht von dessen Ursprung, sondern nur von dessen Unschädlichkeit ausgehen sollte.

Nichts ist automatisch gesünder oder vorteilhafter, nur weil es natürlicher oder künstlicher ist.