Sex, Wien, Militär

In Wien wirbt ein Bordell mit einem Plakatak um Soldaten. “Jeder Soldat zahlt nur die HÄLFTE!” (Hervorhebung im Original). Wie ein Bewegungsmelder – man erlaube mir diese polemische Eröffnung – aktiviert dieser Sachverhalt die moralische Entrüstung einer Autorin auf einer meiner Lieblingsadressen im Internet, den Salonkolumnisten. Ist der Vergleich der Autorin mit den koreanischen und chinesischen “Trostfrauen”, die als Kriegsbeute japanischer Soldaten während des zweiten Weltkrieges vor allem Objekte fehlgeleiteter sexueller Impulse waren, angebracht? Ist es angebracht, die männliche Sexualität österreichischer Soldaten so zu beschreiben, dass man sie euphemistisch als “Manneskraft” bezeichnet, vor deren Platzen die Soldaten sich “nur durch Schießübungen und Schlammrobben befreien können”? Wie hörte sich der Satz an, würde man von Soldatinnen und “Frauenkraft” sprechen? Und sind es die Soldaten (und Soldatinnen) selbst, die sich freiwillig von dieser “Manneskraft” befreien oder ist es nicht vielmehr so, dass die Anullierung, Umleitung, Negation von “Mannes- und Frauenkraft” – will sagen sexueller Impulse – charakteristisch für den soldatischen Alltag ist? Und weiter: genossen es “die verführerischen Hetären oder Geishas, die koketten Maitressen, die goldherzbesitzenden Puffmütter (wirklich), den Männern (auch des paramilitärischen Männervolks) die Last ihres Begehrens” abzunehmen? Waren entsprechende Begegnungen, bei denen Sexualität zwar vorkam (oder vorkommen sollte), nicht eher Situationen, in denen herr-schende Realität durch sexualisierte Gewalt, Erniedrigung und Missbrauch erfahren wurden? Vielleicht ist aber auch so, dass ich die Ironie der Autorin nicht verstehe oder dass mir das Verständnis dafür erspart bleibt. Jemand, dessen Name mir entfallen ist, hat auf die Frage, worüber er sich bei anderen Leuten lustig macht, mal geantwortet, über alles, außer über Dinge, für die die Leute selbst nichts können: Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft, Versehrtheit. Und ich erlaube mir hinzuzufügen, Sexualität. Das moralisierende Naserümpfen über männliche (und soldatische) Sexualität passt gut zu Zeiten, in denen man mitunter den Eindruck haben könnte, dass Regression die neue Lebenslust darstellt. Die für mich vernünftigere Reaktion auf die erwähnte Werbeaktion wäre also eher die Sorge darum, dass die in einem Bordell erbrachten Dienstleistungen, aufgrund menschenverachtender Abhängigkeitsverhältnisse von Sexarbeiterinnen (oder -arbeitern), eine sexualisierte Fremdbestimmtheit und Gewalt spiegelt, die, nur andersherum, auch den soldatischen Alltag von Soldaten (und Soldatinnen) ausmacht. Nicht soldatische Sexualität sollte das Thema der Autorin sein, sondern der Schutz vor der mit dieser Sexualität konfrontierten Personen.

siehe auch

https://www.salonkolumnisten.com/ein-unmoralisches-angebot/

 

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