1. Januar 2018 – Neues Jahr – Neue Zeit

Zeit, das kann man merken am Neujahrstag, ist eine Sache des  Bewußtseins. Wir Menschen machen Abschnitte, Unterschiede und treffen Ent-Scheidungen. Dabei begegnen sich jeweils kontinuierlich Fließendes und im Moment Erlebtes.

Beide Aspekte, unlösbar verbunden, bilden ein Paradox und sind nicht in einem Entweder-Oder trennbar. – Zeigen nicht beide Aspekte gleichwertige Perspektiven von Lebendigkeit? – Ein Paradox führt auf einer höheren Ebene einander bedingende Gegensätze zusammen. Ein Paradox überwindet das Ausschließliche.

Besonders in Europa und der durch Europa westlich, jüdisch und christlich geprägten Welt wurde dabei das Phänomen der Entwicklung, des Fortschritts und der Veränderlichkeit  betont. In anderen Kulturen dagegen mehr das kontinuierliche Fließen, das Beständige, die Dauer. Bildung ist in beiden Sphären von hoher Bedeutung, nur wurden unterschiedliches gebildet.

Die Problematik heute ist, so scheint es mir, dass wir uns von den eigenen  Daseinsgründen abwenden. Wir leugnen oder verdrängen Paradoxien, versuchen sie wegzuschieben, auszublenden. Und schlagen uns entweder in Scheinvorstellungen von Ewigkeit oder binden unseren ganzen Sinn an vergängliche Äußerlichkeiten. Als Fortschritt bezeichnen wir dann einen Zuwachs an Anhäufungen, z.B. von leeren Gegenständen und scheinnützlichem Wissen.

Wo sind die Ideen für eine Zukunft im Zusammenleben von menschen, die sich nicht in unterschiedlicher Kombinatorik oder Wiederholungen erschöpft, sondern Neues wagt, Neues ausprobiert, erlernt? Wo ist die Zuversicht, das Zutrauen?

Oktavio Paz, der mexikanische Dichter, (1914 – 1998) schrieb in seinem Gedicht „1. Januar“:

Die Türen des Jahres öffnen sich
wie die der Sprache,
auf das Unbekannte zu.
Gestern Abend hast du mir gesagt: Morgen.
müssen wir uns Zeichen ausdenken,
eine Landschaft skizzieren, einen Plan anfertigen
auf der Doppelseite
von Tag und Papier.
Morgen müssen wir
die Realität dieser Welt
noch einmal erfinden.

Ein wenig weiter schreibt der Dichter, erfüllt von Furcht:

Aber nein, das Jahr war wieder da.
Es füllte den ganzen Raum.
und mein Blick hat ihn fast berührt.
Zeit kam, ohne unser Zutun, sie gebar
die gleiche Reihenfolge wie gestern.
Häuser in der leeren Straße,
Schnee auf den Häusern,
Stille auf dem Schnee.

Oktavio Paz fragt sich im Laufe des Gedirchts, was das menschliche Zutun ist? Er fragt- ohne zu antworten, ob und wie sich denn das Leben vollzieht – ohne uns Menschen, ohne unser Zutun?  Und im letzten Satz keimt Hoffnung. Und mit scheint Hoffnung doch etwas lähmendes. Es ist an der Zeit, nicht mehr nur zu hoffen, sondern auszuwachen und den Mut zu haben, das Unbekannte zu betreten. Gerne ohne abschätzig mit dem Bekannten umzugehen.

Du warst neben mir
und ich sah dich, wie Schnee,
und schlief zwischen den Erscheinungen.
Zeit, ohne unser Zutun,
erfindet Häuser, Straßen und Bäume
und schlafende Frauen.

Wenn du deine Augen öffnest
gehen wir zu Fuß, noch einmal,
zwischen den Stunden und ihren Erfindungen.
Wir werden zwischen den Erscheinungen wandeln
und zeugen von der Zeit und ihren Konjugationen.
Vielleicht öffnen wir die Türen des Tages.
Und dann betreten wir das Unbekannte.

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