Nichts bleibt erspart

Eine Wahl haben, empfinde ich seltsamer Weise derzeit als Qual. Etwas stimmt nicht mit mir. Ich lebe in einem reichen demokratischen Rechtsstaat und ich habe keinerlei Verständnis für den Slogan: „Hol Dir Dein Land zurück“. Es hat mir schließlich nie gehört. Und im Gegensatz zum Dasein in vielen anderen Ländern lese ich über Elend nur in den Zeitungen oder bekomme die sich stürmisch ausbreitende Not  in den abendlichen TV-Nachrichten vorgelesen. Andererseits gehöre ich weder zu den Gewinnern, noch zu den Verlierern, weder der Globalisierung, der Flüchtling-Daseins, noch des Klimawandels.  Nicht dass ich keine lange Liste von Verbesserungswünschen hätte, die habe ich. Vielleicht auch deshalb lese ich ab und an ermüdend emotionale und moralisch aufgeladene Kommentare, die aus lauter cartesischer Durchzweifelung die Tatsachen, sachlich gesehen, aus den Augen verlieren. Aus den Augen geraten dazu noch bequemerweise jegliche Selbstzweifel, jegliche Selbstkritik  gleich mit. 

Man mag von Fakten schon gar nicht mehr sprechen, denn selbst diejenigen, die man Experten nennt und gerne herbeiruft, damit sie einem die Welt erklären oder funktionsfähige Methoden und Produkte liefern, sind Quellen der allgemeinen Verunsicherung geworden. Ja, die Verunsicherung –  Krisen überall.

Eine der Auswirkungen davon scheint zu sein, dass man schon froh ist, wenn man von einer Physikerin regiert wird, deren herausragende, weltweit geschätzte Fähigkeit die ist, sich nicht aufzuregen. Das bestärkt manche, sich auch nicht aufzuregen. Tun muss man dann nichts. Es läuft alles automatisch oder eben naturgesetzlich vorbestimmt. Das hat man im Studium gelernt.

Noch zwei Tage, dann wird, hellseherischer Voraussicht nach eine Rechts-außen-Partei mit einem schneidend kalten blonden Engel vorn an, die dritt stärkste sein und auch die Gelben werden wieder „Leistungsträger“ von anderen arbeitenden Menschen unterscheiden wollen.
Die Linken vermögen durchaus ohne Scham traditionell rechte Positionen zu vertreten. Die Grünen trauen sich nichts, weil sie einen gesellschaftlichen Kosmopolitismus vertreten, der wirtschaftlich mittels Globalisierung eigentlich von der CSU/CDU und den Neo-Libs von der FDP in seiner heutigen Radikalität verankert wurde.

Liegt also die Verantwortung für unsere Geschicke bei denen, die gewählt werden? Ich glaube nicht. Diese Erwartung ist zu hoch und ist schon Teil der emotional hochmögenden moralischen Inszenierung eigener Bequemlichkeit.

Diese fortwährende artikulierte Enttäuschung der trügerischen und aus eigener Bequemlichkeit geborener Erwartung ist es, welche die Ungleichheit erst erzeugt, über die dann geklagt wird. In Berlin wird dem gefolgt, was aus den Echokammern dringt, was lang genug unwidersprochen bleibt. Sie würde so geschickt adaptieren, was allgemeiner Konsens ist, sagt man Frau Merkel nach. Ob das adaptive Geschick schon den Beruf der Politik qualifiziert? Wenn ja, was ist dann noch Charakter?

Wer soll da noch durchblicken? Und doch: Der langweiligste Wahlkampf – und auch der ekeligste Präsident ever gebären doch ganz deutlich eine Konzentration auf Begegnung und Auseinandersetzung darüber, was in unserer Gesellschaft Wert haben soll und Bedeutung. Und vor allem: Es wird deutlich: das Gegensatz-bilden und sich moralisch überlegen absetzen führt auch nicht weiter.

Las ich doch neulich diesen schönen Gedanken:  „Sich Feindbilder zu erschaffen, setzt eine zerstörerische Kraft frei. Weil nicht der Feind das Mißtrauen schafft, sondern das Mißtrauen schafft den Feind.“ Marmadaschwili

Es wird anstrengend werden, wenn man statt andere zu beschuldigen,  eigenes Mißtrauen reflektieren und Enttäuschungen überwinden muss. Es wird befremdend, aufregend werden und es wird sich herausschälen, dass es nur mit Respekt und Anerkennung weitergehen wird – vor allem Anerkennung dessen, was wirklich ist. Von dem, was trägt, [mich] [uns] ausmacht, umgibt.

Gesellschaftlich wird es darauf ankommen, wie wir scheinbar verloren gegangene Zusammenhänge neu stiften. Überall wo wir uns bewegen, uns begegnen, sprechen, zuhören, schreiben, handeln. Sich immer neu verbinden, jetzt aus Freiheit, das wird die geistige Leistung sein. Gesunder, lebensbejahenden Zusammenhang kann weder eine Partei, noch Biologie, noch alte Gruppenhaftigkeit herstellen. Ich werde wählen gehen und mit dem Ergebnis umgehen auf die Weise, wie ich mir Mensch-sein wünsche : Lebendig und und in vertrauensvoller Zuversicht liebevoll.

 

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